12:03 Uhr: Den Verdächtigen scheint der Verlust der Familie sehr mitzunehmen. Er trinkt seit der Früh Alkohol und sitzt in Unterwäsche in der Küche. Wenigstens ertrinkt er seine Unfähigkeit nicht in Drogen sondern im Alkohol, wie ein normaler Mensch. Vielleicht gibt es doch noch, nach Jahren der Rehabilitation hinter Gittern, Hoffnung für den Hund.

 

Randnotiz: Ich war schon immer eine optimistische Person, vielleicht schon zu optimistisch.

 

Anmerkung: Ich muss beim Tatbestand bleiben und aufpassen, dass ich nicht in die eigene Psychoanalyse abdrifte.   

 

Walter ist sich dessen vermutlich unterbewusst oder eher überbewusst. Ego und Illusion lassen ihn jedoch glauben, dass seiner Verzweiflung eine zerflossene Liebe zu Grunde liegt, wie man es eben erwarten würde, wenn Ehefrau und Kinder eines Tages verschwinden. Zumindest ist er sich seiner Schuld bewusst, dass darin jedoch auch seine Erlösung liegt, ahnt er noch nicht. Stattdessen weint er einem Leben nach, das durch ein fremdes Fenster perfekt erscheint und legt sich auf die Couch.

Walter schläft bis die Sonne hinter den Hecken verschwindet. Er kann sich nicht erinnern jemals so müde gewesen zu sein. Stöhnend erhebt er sich und torkelt ins untere Badezimmer, das sich seine Frau unbedingt eingebildet hat.

»Der Wert jeder Immobilie steigt durch ihre Anzahl an Klos« hat sie irgendwo gelesen und Walter natürlich eingewilligt. Es ist schon eine Art Luxus sich in jedem Stockwerk erleichtern zu können. Der Preis: eine weitere Hypothek, die Walter jederzeit das Genick brechen kann.

Er betrachtet sich im Spiegel und bricht den Alkohol aus seinem Inneren ins Waschbecken. Danach wischt er sich mit dem Handrücken über den Mund und torkelt zurück auf die Couch, wo er ins Leere starrt. Walter hat den ganzen Tag nicht gegessen, doch verspürt er keinen Hunger, was verständlich ist. Kein normaler Mensch bricht eine halbe Flasche Gin in italienisches Porzellan und denkt sich dann: »Hey, was zu essen wäre jetzt genau das richtige. « 

Das Loch in seinem Körper scheint von Alkohol, dem Allheilmittel des Frusts, nicht gefüllt werden zu können. Warum soll es dann feste Nahrung schaffen? Er fährt sich mit den Fingern durchs Haar und überprüft die kahle Stelle am Hinterkopf. Der erste Tag ist gerade erst am Horizont des Gartens verschwunden, führ Walter fühlt er sich jedoch wie eine Woche an. Vielleicht ist es sogar eine Woche. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie viel Zeit man sich mit 70cl wegsaufen kann? Walter ist ein schlechter Alkoholiker. Er hat zugesehen wie es seinen Vater ins Grab gebracht hat und sich geschworen, diesem familiären Ideal nicht zu folgen. Walter kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal betrunken war- mit 20? Vielleicht 25. Sein Körper ist das Gift nicht gewohnt, somit liegt die Vermutung nahe, dass der Gin, ein, zwei Tage für sich beansprucht hat. Zeit hat für Walter gerade keine Bedeutung. Für ihn gibt es nur ein Davor und ein Danach. Und es ist dieses Danach, an das er sich gewöhnen muss, in dem er Sinn finden muss, der über Unterwäsche und Sofa hinausreicht. Das Haus liegt in Finsternis, nur die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos erhellt, was zu Walters Welt geworden ist. Die Dunkelheit legt sich wie ein Schleier über seine Gedanken und er heißt sie willkommen. In der Schwärze kann niemand über ihn urteilen, nur er selbst. Walters Abgründe liegen in der Nacht klar vor ihm und er beobachtet sie wie ein Außenstehender. Walter versucht seine Schritte nachzuvollziehen und schwebt über den Ereignissen der vergangenen Tage. Sein Gesicht zeigt keinerlei Reaktion, nur die Schatten um seine Züge geben Hinweise auf seinen Bewusstseinszustand. Fährt ein Auto vorbei und wirft einen Kegel direkt in sein Gesicht, wird klar, dass Walter nicht anwesend ist. Er klammert sich an das Davor wie ein ertrinkender an ein Stück Holz, bevor es von der nächsten Welle weggeschwemmt wird und ihn dem Tod überlässt. Walter versteift sich so sehr auf dieses Bild, dass er plötzlich nach Luft schnappt und ihn auf die Couch zurückkehren lässt. Es ist Walters erster Einblick in den Kampf zwischen Selbst und Ego. Der uralte Streit zwischen Illusion und dem, das darüber hinaus verborgen liegt. 

Er liegt im Bett starrt an die Decke und versucht sich einen Plan zurechtzulegen. Was passiert morgen, was übermorgen und was nächste Woche? Walter ist schon seit Jahren nicht mehr selbstbestimmt und der plötzliche Verlust aller Systeme lässt ihn desorientiert zurück. Wie sieht ein Tag ohne Ablauf aus? Wie gibt man sich selbst Sinn? Er versucht den Gedanken zu verdrängen, doch er hängt über ihm wie ein Damoklesschwert. Er kann es beinahe sehen. Die funkelnde Spitze, die mit jedem Moment näher kommt, bis sie direkt über seinem linken Auge schwebt. Seine Sorge gilt der Freiheit. Ein gängiges Problem, in einer Welt, die alles für jemanden entscheidet. Von der Uhrzeit des Aufstehens, über den Zeitpunkt des Essen, bis zur Nachtruhe. Vom Anfang bis zum Ende der Menschheit. Es ist somit verständlich, dass sich Walter von der Freiheit der Selbstbestimmung unter Druck gesetzt fühlt. Freiheit im Austausch gegen Sicherheit. Wer will das schon? Wer kann tatsächlich damit umgehen?- nicht Walter. Er will es gar nicht. Nur ein Verrückter, ein Verlorener, jemand, der nichts zu verlieren hat kann in einer solchen Welt überleben. Walter schließt die Augen, um dem Schwert zu entkommen und öffnet sie erst am nächsten Tag wieder.

Er zieht sich an, wirft die gingetränkte Hose in die Waschmaschine und verlässt das Haus. Zum ersten Mal, so kommt es Walter vor. Die Sonne scheint ihm direkt ins Gesicht und blendet Walters Augen für die Möglichkeiten der Welt. Er bleibt in der Einfahrt stehen und weiß nicht, wohin er gehen soll, auf keinen Fall der Sonne entgegen. Zwei Mal umrundet er das Auto bevor er einsteigt, alles unter dem wachsamen Blick der verwitterten Müllerin, die in letzter Zeit vermehrt Aufmerksamkeit von ihrer Heimhilfe bekommt.