Than des Halms

Blauer Rauch stieg in Spiralen an die Decke. Ich lag auf gepolsterten Möbeln und beobachtete seinen Weg fasziniert. Meine Flucht aus der Realität gestaltete sich stets in denselben Zügen: erschöpft und vom Alltag gezeichnet suchte ich des nachts Etablissements auf, die mir für einen Obolus eine Welt offenbarten, in der ich zu schweben schien. Das Gefühl des Rausches war unbeschreiblich und ehe ich mich versah, kam ich ohne ihn nicht mehr aus. Seine Krallen saßen tief in meinem Hirn und ließen mich am Tag zitternd zurück, während sie meine Nächte mit süßen Versprechungen füllten. Betört atmete ich mehr und mehr ein, bis ich zu keiner Bewegung mehr imstande war. Benebelt und schlaff lag mein Körper auf roten Pölstern, in denen ich wie in sanftem Treibsand meinem Ende entgegenglitt. Doch wartete auf mich am Grund keine Hölle, sondern ein Paradies, das mich mit weit geöffneten Toren empfing. Schwerelos trieb ich durch elysische Felder und über himmlische Flüsse, die sich golden durch das Paradies schlängelten.

 

Eine fremde Hand riss mich aus meinen Träumen und wies mich darauf hin, dass die Zeit meiner Flucht abgelaufen war. Trunken öffnete ich meine schweren Lider und suchte den Fremden zu verscheuchen. Noch etwas länger, doch herrschten in den Etablissements strikte Regeln, die mit eiserner Faust durchgesetzt wurden. Eine weitere Gestalt betrat das Zimmer, in dem ich nun sabbernd auf dem Boden lag, packte mich grob und warf mich, versteckt vor neugierigen Augen, durch eine Hintertüre auf die Straße hinaus. Meine Habseligkeiten lagen mit mir verstreut auf nassem Asphalt, der mich langsam zurückkehren ließ. Auf allen Vieren entledigte ich mich des Rausches, sammelte meine Sachen ein und begab mich auf einen langen Heimweg. Verzerrte Gesichter begleiteten mich und schienen über mich zu urteilen. Ich schrie ihnen entgegen und schlug durch die Luft, um sie zu vertreiben. Der Rauch hatte meinen Körper noch nicht zur Gänze verlassen und erschwerte jeden meiner Schritte. Des Öfteren ging ich zu Boden und wäre am liebsten nicht mehr aufgestanden, Regen und Kälte bewegten mich jedoch dazu die Wärme meiner Wohnung so schnell wie möglich aufzusuchen. Wärme war der einzig klare Gedanke, den ich in meinem Zustand fassen konnte. Ich war gefangen zwischen Paradies und Wirklichkeit, während ich versuchte das Gift aus meinem Körper zu vertreiben. Im Schutze einer dunklen Gasse übergab ich mich erneut und sah zu wie sich die Flüssigkeit mit Regen und Urin vermischte. Langsam wandte ich mich ab, angewidert von mir selbst, und torkelte weiter durch die Nacht. Die kühle Luft brannte in meinen benebelten Lungen und reinigte zugleich meinen Geist. Die Gasse erschien mir endlos, ich schob dies auf eine Nebenwirkung meiner Flucht und ging weiter. 

 

 

 



Obwohl der Tag bereits die Nacht verdrängen sollte, legte sich plötzlich Dunkelheit über mich. Mit beiden Händen erstastete ich vorsichtig meinen Weg, um nicht gegen ein Hindernis zu stoßen, das mich zu Fall bringen konnte. Meine Schritte hallten ungewöhnlich laut wider, als ich meinen Weg in nun völliger Finsternis fortsetzte. Ich blieb stehen, um mich zu orientieren und das Geräusch meiner Bewegungen entwickelte ein Eigenleben, bis es schließlich in ungeahnter Ferne verebbte. Mein Atem beschleunigte sich und am Ende der kleinen Gasse entflammte plötzlich ein Licht, das mich die Endlosigkeit meiner Umgebung erkennen ließ. Die kleine Seitenstraße war verschwunden, stattdessen fand ich mich in einer riesigen, schier endlosen Halle aus schwarzem Stein wieder. Säulen, deren Größe jedes Hochhaus in den Schatten gestellt hätte reihten sich aneinander und verschwanden in der Finsternis, die das Licht nicht mehr beleuchtete. Ich schluckte laut und blieb wie angewurzelt stehen. Noch nie hatte mir der Rausch ein solches Bild offenbart und ich bekam es mit einer Angst zu tun, die sich langsam bis in meine Knochen arbeitete. Mit einer Hand suchte ich meine Umgebung auf Echtheit zu überprüfen und strich über die glatte Oberfläche einer runenbesetzten Säule. Der Stein war kalt und echt. Sogar im Rausch konnte ich Illusion von Realität unterscheiden und dies, war ich mir sicher, war die Realität. Mit einem Schlag war ich von meinem Zustand befreit worden und nüchterner Schweiß lief mir über die Stirn. Meine Knie zitterten, ich ließ dem Tremor freien Lauf und ging zu Boden. Das Licht flackerte in der Ferne und schien leise nach mir zu rufen. Es dauerte einen Moment ehe ich mich gefangen hatte und stand auf. Langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen und meine Schritte hallten in der unendlichen Halle wider. Zurückgeworfen von dunklen Säulen, die sich zu einer schwarzen Decke erstreckten, die vor meinem Blick verborgen blieb. Ich legte den Kopf in den Nacken, fasziniert von der Größe der Halle und schritt die nächstgelegene Säule ab. Der Schein des Lichts beleuchtete sie gerade so, dass ich die Schriftzüge im Obsidian erkennen konnte. Mit den Fingern zog ich die seltsamen Zeichen nach, die ich noch nie zuvor gesehen hatte und somit keiner Kultur zuordnen konnte. Ich senkte meinen Blick und bemerkte, dass sich die Flamme nicht bewegt hatte. Ich war im Kreis gegangen und doch befand sich das Licht direkt vor mir.



Um meine Theorie zu widerlegen, bewegte ich mich im Zickzack weiter und die Flamme in der Ferne schien mir zu folgen. Nicht wie die Augen eines Gemäldes, die dem Betrachter in einer optischen Täuschung folgten. Sah ich nach rechts, blickte ich genau auf die Lichtquelle, bewegte ich mich nach links, ging ich geradewegs auf die Flamme zu. Mir blieb somit nur ein Weg offen- nach vorne. Was mich am Ende erwartete, vermochte ich zu diesem Zeitpunkt nicht zu sagen. Das Hallen meiner Bewegungen begleitete mich, während ich auf die Flamme zuging, doch schien sie immer an derselben Stellen zu verweilen, egal wie lange ich mich bewegte. Nach einer gefühlten Stunde machte ich Halt, um zu Atem zu kommen. Die Größe der Halle schien mich zu erdrücken, die Finsternis legte sich auf meine Brust und ich drohte zu ersticken. In der Ferne tanzte das Feuer und rief meinen Namen, leise, kaum hörbar. Ich holte tief Luft und ging weiter. Im Augenwinkel zogen die Pfeiler aus Obsidian an mir vorbei, als bewegte ich mich mit ungeheurer Geschwindigkeit fort und doch kam das Licht nicht näher. Ich lachte gegen die Absurdität meiner Situation an und sie lachte in meiner eignen Stimme zurück.

 

-Komm näher!-

 

Ich sah mich um, auf der Suche nach dem Sprecher, erblickte jedoch nur die tanzende Flamme. Die Aufforderung wiederholte sich immer und immer wieder, bis sie sich in meinen Geist gebrannt hatte. Ich atmete laut aus und ließ meine Arme schlaff herunterhängen, ich gab mich der Stimme und dem Licht hin. Wie von selbst setzte ich einen Fuß vor den anderen und ließ mich von einer fremden Kraft führen, die mich durch die Halle zog. Mein Blick war in die Ferne gerichtet und ich glaubte etwas hinter der Flamme zu erkennen. Einen Schatten, der so finster war, dass er sich von der Schwärze des Steins abhob. Ich versuchte meine Augen vor der Erscheinung zu verschließen, doch hatte ich die Kontrolle über mich selbst verloren, während ich mich auf das Ding hinter dem Licht zubewegte. Ich schrie innerlich auf und suchte mich loszureißen- zwecklos. Der Schatten, der im Hintergrund lauerte wurde immer deutlicher, bis ich seine Umrisse genau erkennen konnte. Es schien als existierte er in einem Zustand außerhalb meiner Sicht. Obwohl ich ihn schemenhaft wahrnahm, kam es mir so vor, als erkannte ich nur einen Bruchteil seiner Existenz. Er zog mich näher und ich versuchte mich noch immer zu wehren, wissend dass mein Sträuben keinen Sinn hatte. Ich öffnete den Mund, um zu schreien doch kam kein Laut über meine Lippen.



Die Zungen der Flammen brannten auf meiner Haut, als ich langsam in sie hineingezogen wurde. Sie hießen mich tanzend willkommen, wie ein ausgehungertes Tier, dem ein Stück Fleisch hingeworfen wurde- wahnsinnig vor Hunger. Ich wandte mein Gesicht ab, als Feuer über meine Wange streichelte und die Haut darunter schwarz färbte. Schmerz flammte auf, doch vermochte ich mich weder zu wehren, noch in Pein aufzuschreien. Der Griff des Schattens zog mich noch näher heran, bis ich vom Feuer eingenommen wurde. Ich stand inmitten nun grüner Flammen, die meinen Körper emporkletterten, während sie zuerst meine Kleidung und dann das darunter liegende Fleisch verbrannten. Der Geruch meines eigenen verkohlten Körpers stieg mir in die Nase und ich begann im Feuer zu zappeln. Der Schatten drückte mich nach unten und ging sicher, dass ich langsam zu Asche zerfallen würde. Meine Haut bildete Blasen, die nach kurzer Zeit aufplatzen, und färbte sich so schwarz, dass ich mit der Dunkelheit der ewigen Halle zu verschmelzen schien. Meine Augen begannen in ihren Höhlen zu kochen und Blindheit legte sich über mich, dann Stille, dann war der Schmerz plötzlich verschwunden. Ich atmete ein und meine Lungen füllten sich mit Luft. Zusammengekauert saß ich auf dem glatten Stein und zitterte. Das Knistern der Flammen durchbrach die Stille und ich folgte ihm mit meinem Kopf. Langsam richtete ich mich auf, verkohlt und doch am Leben. Ich spürte wie sich das verbrannte Fleisch von meinem Körper löste und zu Boden fiel. Ein Lachen hallte in der Unendlichkeit wider, das von außerhalb zu kommen schien und mir war klar, dass es nur von dem Schatten hinter dem Licht kommen konnte. Ich hob die Hände schützend vor das Gesicht, noch mehr Qualen erwartend, doch nichts brach über mich herein. Vorsichtig nahm ich sie herunter. Ich verspürte ein Gefühl von Akzeptanz, als hätte ich mich wider aller Erwartungen bewiesen und horchte auf. Nicht mit meinen Ohren, sie waren geschmolzen und zu Nichts verkümmert, sondern mit meinem gesamten Körper, denn Worte hatten für mich keinen Sinn mehr. Das geraubte Augenlicht, ließ mich die Halle in ihrem wahren Licht erkennen, sie war nicht schwarz, sondern golden und strahlte so hell, dass nur ein Blinder ihrem Glanz gegenüberstehen konnte. Das Obsidian der Pfeiler hatte sich in brennendes Gold verwandelt und die fremden Runen tanzen an ihnen in Spirale in den Himmel empor. Ein Lächeln huschte über mein verkohltes Gesicht und ich wandte das Gesicht zu dem Schatten, der hier, und nicht in völliger Finsternis existierte. Seine Gestalt war atemberaubend und unbeschreiblich. Ich nahm ihn mehr als Gefühl, als alles andere wahr und ein breites Lachen zog seine Linie über mein verbranntes Fleisch. 



Das Lichtwesen dehnte sich aus und schien eine Hand auf meine Stirn zu legen. Im selben Moment wurde ich von ungeahnter Kraft durchflutet. Als das Wesen seine Berührung löste, war mir mein Platz in der Welt bewusst, ich wurde in die Halle gerufen, um zu dienen, nicht unter Säulen, die sich in den Himmel erstreckten, sondern auf Erden, um sie auf die Ankunft des Lichtwesens vorzubereiten. Ich nickte, denn Worte waren nicht vonnöten und ich atmete ein. Kälte und Nässe umfingen mich und brannten auf meiner Haut. Mein Atem formte sich zu Hauch, der sich langsam in der kleinen Gasse verlor und ich öffnete die Augen. Mit neuer Sicht gesegnet erstrahlte die Nacht vor mir wie der hellste Tag. Mein Körper war von den Verbrennungen geheilt, die mich, wie ich nun erkannte, gereinigt hatten. Meine Lungen und mein Geist waren so rein wie nie zuvor und ich war von meinem Verlangen nach Flucht und Rausch befreit worden. Regen fiel auf mein Gesicht und ich stöhnte auf. Mein Weg lag klar vor mir und ich tat den ersten Schritt in eine gewisse Zukunft.

 

Nach Äonen des Exils würde mein Herr seinen rechtmäßigen Platz einnehmen und die Welt nach seinem Vorbild wandeln. Felder mussten brennen, um aus ihrer Asche eine neue Ordnung zu erschaffen. Schreie mussten den Himmel erfüllen und Flüsse mussten sich Rot färben, erst dann würde er sich den Menschen offenbaren, um sie in seinem Licht zu führen. Ich war der erste, der sein Wort predigte doch viele würden mir auf meinem Weg folgen.