Ruf der Musen

Der Traum eines jeden Künstlers ist es eins mit seinem Werk zu werden. Alles um sich herum auszublenden, einzutauchen in eine Welt, die seiner Kreativität, seinem Schweiß, seinem Blut entsprungen ist. Nur Wenigen gelingt eine solche Verschmelzung mit ihrer Arbeit. Nur Wenige geben sich den Mächten hin, die die Hand eines Künstlers führen, um ihn ein Meisterwerk erschaffen zu lassen und dies hat einen Grund. Sich etwas hinzugeben, das höher als man selbst ist erfordert einen Preis, den nicht jeder zu zahlen bereit, geschweige denn im Stande ist. Niemand vermag zu sagen was höhere Mächte verlangen. Manchmal ist es die Einsicht, dass man selbst nur als Medium fungiert, um eine Botschaft in die Welt zu tragen. Manchmal ist der Preis jedoch der Verstand selbst. Es liegt in der Natur des Schaffenden mit solchen Mächten zu verhandeln. Selten zeigen sie sich jenen, die nach ihnen rufen. Diese Künstler mögen vielleicht nie etwas von wahrhaftiger Bedeutung kreieren. Sie winden sich in Selbstmitleid, verfluchen die Welt, ohne zu wissen, dass sie von Konsequenzen, außerhalb ihrer Vorstellungskraft verschont geblieben sind. Doch solange es den Menschen gibt, wird es Wesen geben, die ihn lenken wollen. Der Mensch ist schwach und wird sich stets hingeben, wenn ihm dies die Möglichkeit zu wahrer Größer bietet.

 

An einem verregneten Tag, in einem kleinen Atelier, das den Namen nur auf Grund der unzähligen Staffeleien in seinem Inneren trug, war ein Künstler dabei ein Meisterwerk zu schaffen, das seinesgleichen nie wieder sehen würde. Ein Blitz der Inspiration fuhr durch seinen Geist und drängte alles andere in den Hintergrund. Ein Bild formte sich vor seinem geistigen Auge, das gerade zu danach flehte mit Ölen auf einer weißen Leinwand in die Welt geboren zu werden. Der Maler stolperte durch den Raum auf der Suche nach geeigneter Baumwolle, die ein solches Werk tragen konnte. Staffeleien wurden achtlos umgeworfen, die Szenerien und Gesichter, an denen er Wochen, sogar Monate gearbeitet hatte, ignorierend. Nur ein einziger Gedanke im Inneren widerhallend: male! Vorsichtig stellte er eine jungfräuliche Leinwand vor sich auf, streichelte über das fast schon blendende Weiß und schloss die Augen. Sofort tauchte das Bild in seiner Gänze auf. Mit der Hand fuhr der Maler durch die Luft, um Rundungen und Linien nachzuzeichnen. Er verweilte lange in der Welt, die ihm ein solch wunderliches und zugleich schönes Bild offenbarte, in der Angst, dass es im nächsten Augenblick bereits verschwinden könnte. Der Maler prägte sich jedes Detail ein, stand stundenlang in der Mitte des Raumes, um seiner Vision gerecht werden zu können. Er atmete langsam und laut aus, tauchte den Pinsel in die Farbe und es folgte der erste Strich. Ein Gefühl des Glücks, das er noch nie erlebt hatte, vibrierte durch seinen Körper, als die Haare des Pinsels die Baumwolle berührten. Der Künstler warf den Kopf in den Nacken und stöhnte in Ekstase auf, befreit von allen irdischen Sorgen, wissend, dass ihm die Muse Einblick ins Paradies gewährt hatte. 

 



Der Künstler trat einen Schritt zurück und betrachtete den ersten Strich, der sich bald in etwas Unvorstellbares transformieren würde. Er tauchte sein Werkzeug erneut ein, zögerte den nächsten Moment so lange hinaus, bis alles in ihm aufschrie und zog den nächsten. Seine Beine zitterten und versagten ihm beinahe den Dienst. Mit dem Dritten Ansatz des Pinsels setzte eine Euphorie ein, der der Künstler nicht nachgeben konnte. Wie im Fieberwahn arbeitete er, bis ihn die Erschöpfung schließlich in die Knie gezwungen hatte. Verschwitzt und schwer atmend lag er auf dem Boden, außerstande sich zu bewegen. Mit einem Lächeln im Gesicht schlief er ein und träumte von der Welt, die sich ihm offenbart hatte.

 

Mit dem Aufgang der Sonne, rappelte sich der Künstler auf. Der Traum war noch frisch und er machte sich sofort an die Arbeit, ehe ihn die Inspiration verließ. Er mischte Farben an, um seine Vision in die Welt zu bringen. Die Kombinationen, die er kreierte, erstrahlten auf der weißen Leinwand und kündigten die Geburt eines Meisterwerks an. Mit jedem Strich, hallten Fanfaren im Kopf des Malers wieder, die nur von engelsgleichen Wesen gespielt werden konnten. Er schloss die Augen und überließ die Führung seiner Hand der Muse, die ihn geküsst hatte. Der Künstler gab sich hin und bot seine Seele den höheren Mächten dar, die ihn als Medium benutzten. Im Austausch wurde er Zeuge wahrer Kunst, derer kein Sterblicher mächtig war. Der Maler genoss den Moment völliger Übernahme. Als er die Augen erneut öffnete, den Bann brach und auf die Leinwand starrte, setzte seine Atmung für einen Moment aus. Die Linien, die Rundungen, die gesamte Szenerie war genauso wie sie sich ihm offenbart hatte. Er faltete die Hände, sank auf die Knie und warf den Kopf in den Nacken. Der Künstler war überwältigt. Noch nie hatte er ein Werk solcher Schönheit gesehen. Die Farben erstrahlten in solcher Pracht, dass er den Blick abwenden musste. Langsam richtete er sich auf, sein Körper noch immer zitternd vor Ekstase. Er hob die Leinwand an und küsste das Bild. Er würde ein gemachter Mann sein und ein Leben wie die großen Meister ihrer Zeit führen können. Niemand würde wieder an seinem Talent zweifeln können, dessen war er sich sicher. Vorsichtig platzierte der Maler das Kunstwerk erneut auf der Staffelei. Er setzte sich in einiger Entfernung auf den staubigen Boden und betrachtete es, bis die Sonne am Horizont verschwunden war und einem vollen Mond Platz gemacht hatte. Erneut kippte er vor Erschöpfung zusammen. 



Der junge Künstler wand sich auf dem Fußboden, kalter Schweiß lief ihm über die Stirn und seine Augen bewegten sich wirr in ihren Höhlen. Eine fremde Welt offenbarte sich ihm, diesmal war sie jedoch nicht von Idylle und Gefühlen des Glücks geprägt. Perverse Strukturen, die ihresgleichen nie finden würden, suchten den Maler heim. Gesichter, die seit Äonen eingemauert in ihnen verbracht hatten, starrten ihn regungslos an. Der Künstler glaubte ein Lachen aus der Ferne zu hören, das ihn für seinen Leichtsinn verspottete. Die Gesichter folgten jeder seiner Bewegungen und öffneten plötzlich ihre uralten Münder. Tausende Stimmen sprachen zu ihm. Der Maler verschloss Augen und Ohren vor ihnen und doch fanden sie einen Weg in seinen Geist. Den Sinn ihrer Worte konnte er nicht verstehen, da die Lautstärke der einzelnen Gesichter variierte und die schiere Anzahl an Mündern das Gesprochene in unverständlichen Lärm verwandelte. Schreiend und nass schreckte er im ersten Licht des Tages in die Höhe. Er versuchte den Traum zu verdrängen, ihn hinter eine Mauer zu sperren. Der Künstler erhob sich und suchte Erlösung in der Idylle seines Meisterwerks. Er stellte die Leinwand in das dämmrige Licht der aufgehenden Sonne. Als er es betrachtete, verschwand die Erinnerung an den Horror der Nacht und erfüllte ihn mit Glück. Erneut verbrachte Stunden vor dem Meisterwerk, bis seine Hand zitterte. Er riss die Augen auf, als er dieses Zeichen für den Ruf der Muse erkannte, die erneut durch ihn sprechen würde. Ein Bild des Schreckens erwartend, zögerte der Künstler bevor er die Augen schloss. Er atmete erleichtert aus, als sich ihm ein Paradies aus Farben offenbarte. Töne aus Blau, Rot und Grün, die er so noch nie wahrgenommen hatte, tanzten durch seinen Geist und verdrängten die Gesichter aus seinen Erinnerungen. Eine einzelne Träne rollte über seine Wange, die den Schrecken der vergangenen Nacht mit sich schwemmte.

Die folgenden Wochen waren geprägt von wundervoller Farbenpracht und Szenerien. Leinwand um Leinwand stapelte sich in dem kleinen Atelier, bis der Künstler kaum noch Platz hatte, durch sie hindurch zu navigieren. Er schlief kaum noch. Jede wache Minute ergriff etwas von ihm Besitz und ließ seine Hand gar wunderliche Bewegungen vollführen, die in einem Meisterwerk nach dem anderen endeten. Im Traum wanderte er durch seine Bilder und wurde Teil der paradiesischen Landschaften, die er nur wenige Stunden später in die Welt gebar. Die anfängliche Ekstase erstarb mit der Zeit. Obwohl Meisterwerke sein Atelier zierten, die die Welt noch nie gesehen hatte, verloren sie bald ihren Zauber. Der Künstler flüchtete sich stets in die Visionen, die so viel lebhafter als seine eigenen Bildern waren.



Die Farben erstrahlten in Tönen, die er nicht beschreiben, geschweige denn hervorbringen konnte und ihre bloße Existenz hielt ihn tagelang wach. Er betrachtete seine Werke stundenlang und befand, dass sie seinen Visionen nicht ansatzweise gerecht wurden. Der Maler aß nicht, schlief nicht, wusch sich nicht mehr und verließ nicht mehr das Haus. Suchten die höheren Mächte von ihm Besitz zu ergreifen, verbannte er sie aus seinem Geist. Der Künstler konnte erst malen, wenn er die Farben seiner Visionen kreiert hatte. Das Tor zur fremden Welt stand weit offen und suchte den Maler in sich zu fangen. Es kostete ihn beinahe seinen Verstand ihrem Ruf zu entsagen. Die gestapelten Leinwände erinnerten ihn an seine Unfähigkeit die wahre Schönheit, die sich ihm offenbart hatte, einzufangen. In einem Moment der Frustration verbrannte er Kunstwerke, deren Umfang und Pracht nie wieder einen Weg in unsere Welt finden sollten. In wenigen Augenblicken waren sie zu nichts weiter als Asche reduziert worden. Der Maler schwor sich, sie wie den Phönix auferstehen zu lassen, schöner und imposanter als zuvor. Befreit von den Zeugen seiner eigenen Unfähigkeit, machte er sich sofort an die Arbeit. Er sammelte die Überreste seiner Werke, um mit ihrer Hilfe ein wahres Meisterwerk zu erschaffen. Er mischte die Asche mit Ölen und Pigmenten, um neue Farben zu kreieren. Tagelang führte er detailliert Buch, um seine Fortschritte für die Nachwelt festzuhalten. Der Ruf der Muse wurde immer lauter und hinderte ihn an seiner Arbeit. Manchmal war er von solcher Stärke, dass er glaubte eine Stimme in seinem Kopf widerhallen zu hören. Seine Hand zitterte, sein Mund war trocken, egal wie viel er trank, seine Glieder schmerzten, egal wie lange er sich ausruhte. Den Pinsel in die Hand zu nehmen und sich den Mächten hinzugeben schien die einzige Möglichkeit, um der Tortur Herr zu werden.

 

Die neuen Mischungen erzielten nicht den gewünschten Effekt. Die Bilder waren wunderschön, ohne Frage, doch verkörperten sie noch immer nicht den wahren Glanz der Visionen. Der Maler ließ sich nur unter Protest von der Muse führen. Jeder Strich schmerzte ihn und er musste den Blick abwenden. Seine anfängliche Ekstase verwandelte sich in Pein und Abscheu. War ein Bild fertiggestellt, nahm es der Künstler von der Staffelei und warf es durch den kleinen Raum, um nicht an seine Unfähigkeit erinnert zu werden. Ehe er sich versah, stapelten sich die Leinwände erneut im Atelier. Die Muse arbeitete unermüdlich. Der Maler konnte ihr keinen Einhalt gebieten. Er verfluchte sich selbst und all die Mächte, die ihn auserwählt hatten. Das Paradies wurde ihm offenbart und es war ihm nicht möglich seine Schönheit in die Welt zu bringen. 



Schlaf blieb aus, wodurch sein Verstand immer weiter ins Wanken geriet. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis er die feine Linie zum Wahnsinn übertrat. Der junge Maler war bald nur noch ein Schatten seiner selbst. Langes, wirres Haar fiel ihm über die Schultern und er war beinahe zu schwach, um sein eigenes Gewicht zu tragen, das rapide abgenommen hatte. Halbnackt kauerte er in der Ecke seines Ateliers und suchte den Ruf der Muse auszublenden. Ohne Erfolg. Jedes Mal drang sie zu ihm durch, jedes Mal gab er nach. Mit der Zeit schien er seine Menschlichkeit zu verlieren. Wie ein Tier bewegte er sich durch die Schatten und schreckte bei jeglichem Laut zusammen. In den Momenten, in denen seine Hand über die Baumwolle geführt wurde, starrten seine leeren Augen aus dem Fenster. Nicht einmal der Künstler selbst vermochte zu sagen was in seinem Geiste vorging. Noch hatte er sich nicht verloren, mit jedem Tag schien er jedoch einen weiteren Schritt auf den Abgrund zu tun. 

 

Hin und wieder fand er in die Realität zurück. In diesen Augenblicken, blätterte er durch verworfene Skizzen und wünschte sich in sein altes Leben zurück. Manchmal lief ihm eine einzelne Träne über die Wange, ein letzter Zeuge einer Welt, die weit zurückzuliegen schien. In einem Moment der Klarheit, über ein Notizbuch gebeugt, schnitt er sich an einer der vergilbten Seiten. Ein einzelner Blutstropfen fiel von seinem Finger in das Buch. Das Rot hob sich vom Schwarz der Schrift und dem Beige der Seite so stark ab, dass sich die Augen des Künstlers mit Leben füllten. Mühselig rappelte sich der Maler auf. Er kämpfte sich durch das Chaos aus Holz und Baumwolle, auf der Suche nach einer jungfräulichen Leinwand. Ein letztes Mal wollte er sich den Mächten hingeben, ein letztes Mal würde er sich zur Verfügung stellen, ein letztes Mal.

 

Die Leinwand ruhte in der Mitte des Raumes. Der Künstler, atmete ein und wieder aus. Sein aufgeblähter Bauch bewegte sich sanft, die knochigen Arme hingen schlaff herunter, Blut tropfte aus dem Schnitt am Daumen. Der Maler warf den Kopf in den Nacken, um eine Vision zu empfangen.

Er raste durch seinen eigenen Geist und kam an einem See zum Stillstand. Ein Wind wehte durch die Idyllische Szenerie und der Maler glaubte ihn in den Haaren zu spüren. Blaue Blätter segelten sanft auf rotes Wasser, wo sie langsam zum Stillstand kamen. Ein Lächeln huschte über seine Züge. Er öffnete die Augen und zum ersten Mal sah er die Muse, die über ihm schwebte.



Sie streichelte ihm sanft über die Wange, seinen Arm entlang und berührte schließlich seine Hand. Er folgte ihrer Bewegung und hob den Pinsel an, unbewusst, in Trance. Konzentriert malte er sich windende Bäume, die am Ufer des Sees in den Himmel ragten. Vorsichtig tupfte er die blauen Blätter auf die Baumwolle, dann hielt der Künstler einen Moment inne. Ohne es zu bemerkten griff er auf einen kleinen Tisch, der neben ihm stand. Seine Augen weiterhin auf das Bild gerichtet, langte er nach einem Stück Holz. Er tastete unbewusst nach dem Ende des Holzes und überprüfte seine Spitze, dann umgriff er es mit aller Kraft. Mit einem knochigen Arm hob der Künstler den Keil an. Der Pinsel ruhte auf der Staffelei. Dick und ölig tropfte das Blau auf den Boden. Mit der Spitze voran rammte er sich das Holz in den Unterarm, seine Augen waren auf das Bild gerichtet. Er zog den Pflock langsam heraus, seine Augen waren auf das Bild gerichtet. Blutig fiel das Holz zu Boden und er nahm erneut den Pinsel in die Hand. Der Künstler reinigte ihn provisorisch vom Öl und tauchte ihn in seine Wunde. Der Arm hing schlaff herunter. Sanft setzte er an und kreierte mit wenigen Schwüngen die Umrandungen, die im nächsten Moment zu einem See werden sollten. Er tauchte den Pinsel erneut ein, diesmal etwas tiefer. Der Künstler atmete schwer, sein Bewusstsein schien zu schwinden, er fing sich bevor er zusammenbrach und malte den See. Seine Lider wurden schwer, das Blut tropfte aus dem Arm auf den Boden und vermischte sich mit dem Öl. Der Künstler wankte hin und her. Die Szene war fertig.

 

Er trat einen Schritt zurück und seine Augen leuchteten auf. Das Gefühl der Ekstase kehrte plötzlich zurück. Endlich war er dem Paradies seiner Vision gerecht geworden. Das Bild erstrahlte in einer Pracht, die er nie für möglich gehalten hatte. Der Künstler lachte und fiel regungslos zu Boden. Denn manchmal sind die Musen gnädig.