Patchwork Orange

Sonntag vier Uhr dreißig, diesmal ist es der Wecker, der mich aus den Federn ruft und nicht, wie die Wochen zuvor, die senile Bettflucht. Ich bin müde, drehe mich hin und her und verfluche die Person, deren Idee es war um fünf loszufahren. Meine, durch den Halbschlaf, angefachte Wut ändert nichts an meiner Situation und ich hieve mich stöhnend aus dem Bett. Ein wiederkehrendes Problem: habe ich die Möglichkeit auszuschlafen, wache ich spätestens um sechs auf. Langsam schleiche ich durch die dunkle Wohnung in Richtung Küche, in der Hoffnung, dass der Kaffee den Prozess des Aufwachens beschleunigt und mein Gemüt bis zu einem Punkt beruhigt, an dem ich nicht jedem den Hals umdrehen möchte. Ich bin ein Morgenmensch. Mit einer Tasse Caramelito oder Ristretto, ich kann mich an den Geschmack, geschweige denn an die Farbe der Kapsel nicht mehr erinnern, schleiche ich zurück ins Zimmer und setze mich hin. Da es immerhin schon vier Uhr vierzig ist, zünde ich mir eine Zigarette an, das Frühstück der Suchtkranken, wie ich es nenne. Ich behalte die Zeitanzeige meines Telefons im Auge und starre auf die Gloriette, die man von meinem Fenster aus gerade noch erkennen kann. Die Farbenpracht des Sonnenaufgangs geht an mir vorüber. Noch eine Tasse. Ich stehe in der Mitte des Zimmers und begutachte meine Tasche. Ein einziger Gedanke schleicht durch meinen müden Geist: habe ich genug Unterhosen eingepackt? Ich zucke mit den Schultern, leere Caramelito oder Ristretto mit einem Schluck und gehe ins Bad. Meine Morgenroutine fällt diesmal etwas länger aus, zusätzlich zum Zähneputzen, sprühe ich mich mit Parfüm ein und schmiere mir Handcreme in den Bart, damit mein militanter Nichtraucher-Vater sich nicht übergeben muss wenn ich ins Auto steige. Ich verstaue sämtliche Toiletteartikel in einem kleinen Täschchen, das ich achtlos in die Reisetasche werfe. Es ist kurz nach fünf. Ich setzte mich ins Vorzimmer und rufe meinen Vater an, um ihn von meiner Reisebereitschaft in Kenntnis zu setzten.

 

 

 -Wir brauchen noch.-

 

 

Ich stehe auf, schleiche durch die Wohnung, setzte mich wieder an den Schreibtisch und zünde mir eine weitere Zigarette an. Ich rauche sie nur zur Hälfte und creme Hände und Bart wieder ein, um den Geruch zu übertönen. Mein Handy läutet.

 

 

 -Wir fahren jetzt weg.-

 

 

Vor dem Haus wartet bereits das Auto, stillschweigend öffne ich die Türe und setzte mich neben meinen Stiefbruder, der einen ähnlich geschundenen Eindruck wie ich selbst macht. Mein Vater scheint den Geruch des Frühstücks nicht zu bemerken oder entscheidet sich nichts zu sagen. Was es auch ist, mir soll es Recht sein.

 



Zum zehnjährigen Jubiläum unseres ersten Italienurlaubes haben wir als Familie entschieden, dass wir dies unbedingt wiederholen müssen. Heuer begleitet uns sogar mein Stiefbruder, der sich an Lignanos beigen Stränden in seine Kindheit zurückflüchten möchte. Auf die Frage, ob ich gut geschlafen habe, stecke ich mir Kopfhörer in die Ohren und bette meinen Kopf an die Fensterscheibe.

 

 

 -Gute Nacht!-

 

 

Meine Stiefmutter lächelt, während ich versuche irgendeine Art von Schlafposition einzunehmen.

 

 -Zieh dir bitte die Schuhe nicht aus.- dringt es gedämpft an mein Ohr und ich halte im Abstreifen meines Schuhwerks inne.

 

Vor zehn Jahren stellte sich der Geruch meiner Füße als Fluch heraus, der uns den ganzen Urlaub über begleitet hat. Ich bin nett und lasse sie an. Trotz der unkomfortablen Position, wache ich in Kärnten mit den Worten: -ich muss auf’s Klo!- auf.

 

 

 -In Udine kannst gehen.- witzelt mein Vater während ich ihm durch den Rückspiegel die Not meiner Blase verdeutliche.

Zu meiner Erleichterung bleibt er stehen.

 

Bereits gefühlte fünf Minuten nachdem wir den Rastplatz verlassen haben, meldet sich mein Stiefbruder zu Wort.

 

 

 -Sind wir schon da?-

Er wärmt sich für die Flucht in die Kindheitserinnerungen schon mal auf.

 

 

 -Viertelstund‘, Zwanz’g Minuten.- scherzt es von vorne auf die Rückbank und ich stecke mir wieder die Kopfhörer in die Ohren.

 

Schlaf finde ich keinen, drifte jedoch ab und zu in einen Halbschlaf, der mich mehr oder weniger sanft bis nach Udine trägt.

 

Beim Öffnen der Türe die Watsche, die mir bewusst macht, dass wir den Süden erreicht haben. Doch nur geographisch. Neben zwei glatzköpfigen Italienern, die sich lässig ans eigene Auto lehnen,  reiht sich der unverwechselbar süße Dialekt der Kärntner, von denen es an der Raststation nur so wimmelt.

 

 

 *Genau genommen waren es nur zwei Damen in kurzen Strandkleidern, die, für das Alter der beiden, zu wenig der Vorstellungskraft überließen. Die zwei waren jedoch so auffällig, das man getrost von einem Wimmeln sprechen kann.*

 

 

Nach einem echten, italienischen Kaffee, diesmal weder Caramelito, noch Ristretto, sondern Cappuccino und einem Toast, geht es weiter ins gelobte Land des Österreichers: Lignano. Nach einem Katzensprung parken wir vor einem Hotel, das sich alle Mühe gibt, um den vier Sternen an seiner Fassade optisch gerecht zu werden. Ein furchtbar hässliches Gebäude für jemanden, der sich dem Bauhaus der Zwanziger verschrieben hat. Empfangen werden wir von Antonio, dem übermotivierten Gepäckträger, dessen freundliches Auftreten den Wiener Grant in mir augenblicklich heraufbeschwört. Ich trage meine Tasche partout selbst und lasse mir von ihm den Weg ins Zimmer weisen. Das freundliche Lächeln des Pagen wird nicht honoriert, immerhin habe ich mein Gepäck selbst getragen und wir sind ja nicht in den USA.

 -Also wie ein Antonio schaut mir der nicht aus.- entkommt es meinem Bruder, während ich meine Seite des Bettes aussuche. Wir sind ein freundlicher Haufen.



Ich werfe mich sofort in mein Strandoutfit: grünkarierte Badehose, schwarzes Wikingermotiv Ruderleibchen und Adiletten, ein so skurriles Ensemble, das es in Form eines Handyfotos festgehalten werden muss. Nachdem ich die Familie mit meinem Outfit belustigt habe und das Foto in der WhatsApp-Gruppe geteilt wurde, geht es endlich an den Strand. An der Rezeption wird uns ein Zettel in die Hand gedrückt, der als Wegweiser zu den hoteleigenen Liegebetten fungiert: Areal drei, Reihe E, Betten 04 und 03. Ein durchaus wichtiger Wegweiser, ohne den die Suche nach den vier Strandliegen zu einer Irrfahrt in mythischem Stil geworden wäre. Wir verlaufen uns natürlich sofort und werden vom Bademeister des ersten Areals mit enervierter Miene in die richtige Richtung verwiesen. Wir mischen uns unter die italienischen Tagesausflüger  und gefühlt ganz Oberösterreich. Trotz der Orientierungshilfe des Bademeisters und des Post-it’s, gestaltet sich die Suche nach den Betten noch immer schwierig. Nachdem wir uns fälschlicherweise auf zwei Liegen betten, finden wir endlich die uns vom Hotel zugewiesenen Liegemöglichkeiten. Ich stecke mir die Kopfhörer in die Ohren. Es riecht nicht wie erwartet nach Meer, sondern Sonnenmilch.  Mir wird sofort klar: hier ist es eben nicht wie auf meinen geliebten griechischen Inseln. Der Traum mit Café Frappé am Strand zu liegen, löst sich in Luft auf und verbindet sich mit dem Geruch von Sonnencreme und Körperdeo. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Seit drei Jahren will ich ans Meer, meinen Erwartungen wird der Tag am Strand dennoch nicht gerecht. Ich stehe auf, vielleicht reißt mich ein Strandspaziergang aus der sich anbahnenden Depression. Mein Bruder begleitet mich. Alle paar Meter erzählt er mir was er an genau dieser Stelle als Kind gemacht hat.

 

 -Hier hab ich stundenlange Sandburg gebaut…hier habe ich mich mit einem deutschen Kind gestritten.-

 -Und hier habe ich mir immer in die Hose gemacht.- sagt er nicht, ist aber durchaus möglich.

 

In kindlicher Manier schlägt der Sechsundzwanzigjährige vor, dass wir die Bemühungen der Kinder zunichte machen sollen, indem wir ihre Sandburgen zerstören. Ich zeige auf die erste, die ich sehe und spiele mit.

 

 -Wie wär’s mit der?- 

 

 -Nein. Schon eine g’scheite. An der ein Vater zwei Stunden mitgearbeitet hat. In die sein Schweiß und Blut geflossen sind, während sich seine Kinder schon eine neue Beschäftigung gesucht haben. Und dann stehlen wir ihr Strandspielzeug!-

 

Wir gehen weiter, auf der Suche nach der perfekten Sandburg, auf die wir ganz unabsichtlich stolpern können. Es riecht noch immer nicht nach Meer. An einem riesigen Pier machen wir Halt und waten ins wadentiefe Wasser.

 

 -Hier habe ich als Kind immer Krebse dem Meer entrissen.- führt mein Bruder die Geschichte seiner Kindheit fort, während er gebückt nach den Tieren sucht.

 

Es wimmelt nur so von den kleinen Meeresbewohnern. Nicht so wie von Kärtnern an der udinschen Raststation, sondern tatsächlich- in allen Größen. Ich spiele mit dem Gedanken einen herauszufischen, um mir selbst etwas zu beweisen. Nach der Anleitung meines Bruders, wie man Krebse mit bloßen Händen fängt, suche ich mir den kleinsten aus und stecke meine Hand ins Wasser.

 

 -Pass auf! Er sieht dich.- warnt mich mein Stiefbruder und tatsächlich, der daumengroße Krebs richtet sich auf und schnappt einschüchternd mit den winzigen Scheren. Ich ziehe meine Hand sofort zurück, besiegt vom Däumling. 



Wir überqueren die Brücke, die Venedig mit dem Land verbindet und zum Untergang der Stadt geführt hat. Im Parkhaus endet die entspannte Fahrt, als der Wächter des Ortes die Schlüssel zum Auto verlangt, um es für meinen Vater einzuparken. Traumatisiert von der letzten Geste guten Willens, die das Auto zerkratzt hat, lehnt mein Vater ab und parkt selbst ein, was den Stolz des Wächters sichtlich verletzt. Vollbepackt und leicht verschwitzt warten wir auf den Aufzug. In kindlicher Manier drücke ich mehrmals auf den Knopf, um den Lift so schneller heraufzubeschwören. Die Türen öffnen sich zu zwei Seiten und geben den Blick auf einen gerammelt vollen Lift preis, dessen Passagiere nicht mehr als einen Rucksack ihr Gepäck nennen- wir gehen zu Fuß. Das Parkhaus ist an diesem Tag besonders stark frequentiert und ich bitte die osteuropäischen Touristen in freundlichem, wienerischen Ton doch bitte beiseite zu gehen.

 

 -Maaaria, schleicht’s eich!-  

 

Es wundert mich noch immer, dass ich in diesem Urlaub keine Ohrfeige kassiert habe. Der Ton meiner Aussagen bedarf meist keinerlei Kontext. Wir verlassen das Parkhaus und begeben uns zum Vaporetto, dem schwimmenden, öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt im Wasser. Eine sichtlich verwirrte Dame erspäht meinen Stiefbruder und geht geradewegs auf ihn zu. Mit einem Leuchten in den Augen, als hätte sie ihren Retter gefunden, fragt sie meinen Bruder etwas auf Italienisch, das wir beide nicht sprechen.

 

 -Non parlo italiano.- antwortet mein Bruder, die Dame lässt sich jedoch nicht beirren und fragt erneut.

 

 -I don`t speak italian.- versucht er sie abzuwimmeln doch sie fragt ein drittes Mal.

 

 -Heast, ich kann kein Italienisch!- und erst jetzt scheint sie sich bewusst zu werden, dass mein Bruder die falsche Anlaufstelle ist, um nach dem Weg zu fragen. Sie zieht, noch immer verwirrt, von dannen.

 

Mein Bruder und ich warten vor der Station, während unsere Eltern die Tickets kaufen und lautstark diskutieren in welche Richtung wir fahren müssen. Es ist heiß und mein Vater schlägt eine willkürlich gewählte Richtung ein.

 

 -Nicht die!- ruft ihm meine Stiefmutter hinterher und schlägt die Entgegengesetzte ein.

 

 -Jetzt sind wir zum vierten Mal in Venedig und er kennt sich immer noch nicht aus.- sagt sie mehr zu sich selbst.

 

Mein Bruder und ich suchen indes Zuflucht im Schatten. Endlich einigen sich die beiden auf eine Richtung, ob zielführend oder nicht steht in den Sternen, und wir besteigen das Vaporetto.

Der Wind weht uns entgegen während wir die Wasserstraßen in Richtung Rialto befahren. Es riecht, anders als am Strand, nach Meer. Ich fotografiere die alten, von Moos und Wasserschaden befallenen Häuser und verschicke sie per WhatsApp, um einen weltenbummlerischen Anschein zu erwecken, von dem jeder meiner Freunde weiß, dass ich ihn nicht besitze. Als wir anlegen, wird uns die tatsächliche Hitze, vor der uns der Fahrtwind abgeschirmt hat, bewusst und ich beobachte wie sich stetig mehr Schweißperlen auf der Stirn meines Vaters bilden. 



Wir verlassen die schwimmende Stadt über die Brücke, die zu ihrem Untergang geführt hat und der Seegang beginnt langsam aus meiner Stiefmutter zu weichen, was meinem Bruder zu einer revolutionären Theorie verhilft.

 

-Wie viel muss man eigentlich saufen, um Seegang auszugleichen? Das kann man sich sicher ausrechnen!-

 

Ich taufe diesen Geistesblitz den Nik’schen Saufausgleich, den man laut meinem Vater mit einer Gaußschen Glockenkurve errechnen kann. Während die beiden überraschend tief in die Materie eintauchen und einen mathematischen Weg suchen, der diese Theorie untermauert, schlage ich die Beine übereinander, um mir nicht in die Hose zu machen.

 

Das nächste Ziel lautet Arezzo, wo sich unsere Wege trennen. Mein Bruder und ich steigen in den Zug nach Rom, während es für unsere Eltern weiter in die Toskana geht. Highlight der Fahrt in die Marken, sind meine laute Gesangs- und Tanzbegleitung zu Falcos „Naked“ und der Fahrstil meines Vaters, der sich durch das Überfahren der italienischen Schlaglöcher mit 120km/h charakterisiert.

 

Mein Vater setzt uns vor dem Bahnhof ab und steigt nach einer kurzen Verabschiedung wieder aufs Gaspedal. Sie treffen sich mit Freunden in der Toskana und sind Dank des Navis, das uns zwar interessante aber wenig zielführende Routen vorgeschlagen hat, zu spät. Mein Bruder und ich machen es uns indes gemütlich. Ich bestelle mir einen Kaffee um einen Euro, denn in Arezzo ist die Welt noch in Ordnung, und setzte mich in die pralle Sonne vor den Bahnhof, wo eine Grazie mit den Plastiksesseln zu kämpfen hat. Irgendwann schafft sie es dann doch ihr Gesäß auf der ergonomisch nicht geformten Sitzfläche zu platzieren und ich schütte mich an.

 

Wie befürchtet handelt es sich um die Schnellverbindung nach Rom, die ich im Internet herausgesucht habe, um einen Pimperlzug (ein Zug, der gefühlt alle fünf Meter stehen bleibt und sich durch kaum vorhandene Frequenz auszeichnet). Kontrolleur und Steward legen einen fliegenden Wechsel hin, von dem die heimische Bahn etwas lernen könnte. Ein Mann, der die Mitte des Alters weit überschritten hat und meiner Meinung nach schon längst die Pension genießen sollte, schiebt einen kleinen Wagen vor sich her und bietet Wurst- und Käsesemmeln zu einem vernünftigen Preis an. Der Zug pimperlt ruhig vor sich her, bis er die hügelige Landschaft, die man über- oder in unserem Fall durchqueren muss, um nach Rom zu gelangen, durchfährt. In jedem Tunnel verschlägt es mir die Ohren so stark, dass sich in mir die Sorge breit macht, das Hirn könnte mir platzen. Meinem Bruder und den Gesichtsausdrücken der anderen Fahrgäste nach zu urteilen, bin ich nicht der einzige, den die plötzliche Angst des Kopfzerberstens plagt. Druckausgleich durch das Zuhalten der Nase, gefolgt vom Ausstoß der angehaltenen Luft schafft nur momentane Abhilfe. In dieser Situation begreife ich das Konzept des ewigen Moments und habe meine erste und einzige philosophische Erkenntnis dieses Urlaubs, die über den illusionären Charakter der menschlichen Existenz hinausgeht. Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und die spontane Erleuchtung kehrt in den hintersten Winkel meines Geistes zurück, wo sie bis heute geblieben ist.

 

Wie meine Erkenntnis, hält auch der Zug in einem hintersten Winkel und wir durchqueren den gesamten Bahnhof auf der Suche nach der U-Bahn gleich zweimal.