Geduld schießt die Hirschkuh

 

  „Könntest Du bitte Deine Unterhosen wegräumen?!“

Der Frust seiner Frau fing meist schon beim Frühstück an, spätestens wenn sie etwas fand, das ihr nicht passte.

 „Wenn ich sie wegräume, finde ich sie auch wieder und dann raube ich Dir den einzigen Nutzen, den du in dieser Ehe erfüllst.“ er sprach es nicht aus sondern murmelte eine unverständliche Antwort in die aufgeschlagene Zeitung, hinter der er sich versteckte.

Er war schon immer ein Freund dieses Printmediums gewesen, vor allem da es genug Platz bot, um das alte Gesicht seiner Frau zu verdecken, dem er vor Jahren müde geworden war.

 „Meine Schwester hat uns eine Karte von den Malediven geschickt…“

Da war sie wieder, diese schrille Stimme, die ihn nachts wachhielt und ihn von Anfang an gestört hatte. Er rutschte tiefer an der Lehne seines Sessels herunter, um dem Gequietsche seiner Frau auf irgendeine Art zu entkommen. 

 „Warum verreisen wir eigentlich nie? Warum bekomm‘ ich nie was Schönes von Dir?“

Auf seinem Weg nach unten, kam ihm der Bauch in den Weg, der an der Tischkante hängen blieb.

 „Meine Schwester hatte Recht, ich hätte Dich nie heiraten sollen.“

In diesem Fall stimmte er der ultraschallähnlich hohen Stimme in der Küche zu- er hätte sie nie heiraten sollen. Seit 20 Jahren dachte er sich das, sprach es aber nicht aus, sondern versteckte sich hinter einer Zeitung und ließ die Tiraden seiner Frau über sich ergehen- seit 20 Jahren. Ein normaler Mensch hätte sich zumindest verteidigt, geantwortet- nicht er. Er saß seine Zeit ab, in der Hoffnung, dass sich seine Frau eines Tages, wie durch ein Wunder änderte. Die Erlösung eines frühen Todes war wahrscheinlicher.

 „Weiße Strände, Rum aus der Kokosnuss trinken…von solchen Dingen kann ich nur träumen! Da fällt mir ein: wohin fahren wir heuer auf Urlaub?“

„Sieghartskirchen.“ murmelte er hinter dem Sportteil und konnte das rotangelaufene Gesicht seiner Frau vor seinem geistigen Auge sehen.

Ohne ein Wort widmete sie sich dem verschmutzten Geschirr, das seit einem Tag im Waschbecken lag. Er senkte die Zeitung und beobachtete die rhythmischen Bewegungen ihres riesigen Hinterteils. Er konnte die angestaute Wut in ihrem Hüftspeck sehen und ein Lächeln nicht zurückhalten. Sein Blick fiel auf den Eiskasten, an dem die Postkarte mit einem Magneten befestigt war und ein Bild der Idylle zeigte, nach dem auch er sich sehnte. Er schloss die Augen und fand sich auf einem weißen Strand ohne seine schlechtere Hälfte und von Palmen umgeben wieder.



 „Wenn Du Zeit zum Träumen hast, kannst Du auch die Garage aufräumen!“ erklang die manische hohe Stimme seiner Frau aus aufgedunsenen Wangen und er zuckte zusammen.  

Lautlos faltete er die Zeitung und legte sie auf den Tisch. Bevor ihm seine Frau erneut etwas an den Kopf werfen konnte, schlich er sich aus der Küche.

Die Garage war der Limbus, an den seine Frau alles verbannt hatte, was ihm Freude im Leben bereite. Wenn er nicht Acht gab, landete er wohl selbst unter den Stapeln alter Schallplatten und Motorradmagazinen. Dies war vermutlich ein besserer Ort um auf den Tod zu warten, als das Schlafzimmer, in dem ihm unzählige Porzellanfiguren von Katzen und Babys Nacht für Nacht Alpträume bescherten. Er holte tief Luft und atmete den Staub der Garage ein.

Wann war seine Ehe in die Brüche gegangen? Als die Firma Personal einsparen musste und er seine Stelle verlor? Als der Arzt einen Defekt bei ihm festgestellt und den Kinderwusch seiner Frau zunichte gemacht hatte? Die Gründe verloren sich in den Jahren und jetzt stand er in der Garage und blickte auf ein Leben, das in Schachteln und unter verdreckten Leintüchern verstaubte. Enttäuschte er seine Frau, zwang sie ihn Teile seiner Jugend zu entsorgen. Willkürlich entfernte er eine Plane, suchte sich einen Karton und warf ihn in den Misktkübel, der bei der Tür stand. Er sah weder in die Schachtel, noch beachtete er die Aufschrift, die einen Hinweis auf ihren Inhalt geben konnte- so war es einfacher.

Seine Frau erwartete ihn bereits vor der Türe.                         

 „Die Waschmaschine macht schon wieder seltsame Geräusche.“ warf sie ihm entgegen während sie ihre fetten Hände an die noch fettere Hüfte stemmte.

 „Und das ist vermutlich meine Schuld?“ er sprach den Gedanken nicht aus.

Wortlos hievte er sich über die Stiegen in den ersten Stock, seine Frau direkt hinter ihm, um sicherzugehen, dass er ihre Waschmaschine nicht kaputt machte. Keuchend schob er das Gerät nach vorne und inspizierte die Rückseite; der Schlauch war undicht und grau-grüner Schleim tropfte auf den Fließenboden, der auch schon bessere Tage gesehen hatte.

 „Hättest Du dich um deine Stelle bemüht, wären wir nicht in dieser Lage.“

Das war also der Grund für ihren spontanen Einfall gewesen, sich der Waschmaschine anzunehmen, die schon seit Jahren nicht richtig funktionierte. Manchmal fragte er sich, warum sie noch nach einem Grund suchte, ihm irgendetwas an den Kopf zu werfen. Er drehte zweimal am Schlauch und schob das Gerät zurück an seinen Platz.

 „Ein Mann könnte sie reparieren!“

Er ignorierte ihren Kommentar und starrte stattdessen auf den traurigen Schäferhund aus Keramik, der dazu verdammt war das Klo zu bewachen. Mit einer Handbewegung ließ er seiner Frau den Vortritt, welche die Geste nutzte, um aus dem Bad zu stürmen. Er folgte ihr und genoss den Anblick ihres massigen Körpers, der sich bei der Bewältigung der Stufen plagte.

Verschwitzt und mit rotem Gesicht nahm sie wie ein gestrandeter Wal am Küchentisch Platz, während er sich erneut hinter dem Sportteil versteckte.



 

Ihr angestrengter Atem, der mehr einem Grunzen als menschlichem Laut glich, ließ ihn die Grenze zum Wahnsinn beinahe überschreiten.

 „Ich bekomm‘ langsam Hunger.“ keuchte seine Frau.

Sofort legte er die Zeitung beiseite.

„Warte, ich mach uns was!“ sagte er hastig und seine Frau hielt im alten Holzsessel inne, der bei jeder Bewegung ächzte.

 „Seit wann kannst Du denn bitte kochen?“ schnaubte sie.

Er ignorierte ihre Frage, wie fast alles was sie von sich gab, und widmete sich stattdessen dem Mittagessen. Während er die Küche nach den geeigneten Kochutensilien durchstöberte, begann eine Ader an der Schläfe seiner Frau zu pulsieren.

 „Setz dich hin!“ sagte sie manisch und verdrängte ihn aus der Küche.

„Alles muss man selbst machen…auf nichts ist Verlass…“

Es glich einem Wunder, dass sie mit sich selbst redete und ihrem Mann nichts an den Kopf warf. Er genoss den Moment der passiven Beleidigung und relativen Ruhe, die Dank des Hungers seiner Frau anhielt. Sie ließ ihren Frust an den Schnitzeln aus, die sie mit dem Fleischklopfer mehr malträtierte, als flachte. Mit jedem Schlag, zischten hohe Laute aus ihrer Zahnlücke und das Fett an den Oberarmen vibrierte in konzentrischen Wellen. Sein Blick war auf den Fleischklopfer gerichtet, der immer wieder auf die Schnitzel niederfuhr. Das feuchte Geräusch des Hammers, wenn er auf das Schwein traf, faszinierte ihn. Es trug ihn in eine Art Trance, in der es alles andere verdrängte. Feuchtes Klopfen, das in seinen Ohren zigfach verstärkt widerhallte. Er schloss die Augen und sah sich selbst, den Fleischklopfer in der rechten Hand haltend, über seine Frau gebeugt. Er schwebte über seinem eigenen Körper als dieser immer wieder den Arm hob und bemerkte ein glückseliges Lächeln, das sein Gesicht zierte. Mit jedem Schlag wurde es breiter, bis es sich in völliger Euphorie verlor.

Der massige Leib seiner Frau, der sich auf den alten Holzsessel fallen ließ, holte ihn zurück in die Realität. Ohne ein Wort schob sie ihm den Teller vor die Nase und widmete sich ihrem eigenen, in den sie das Gesicht wie in einen Trog vergrub. Sein Blick glitt an ihr vorbei zur Küchenzeile, auf welcher der Fleischklopfer ruhte und nach ihm zu rufen schien. Am liebsten hätte er sich seinem Ruf hingegeben und die Misere, zu der sein Leben geworden war, mit einem gut platzierten Schlag beendet. Stattdessen übte er sich in Geduld und wartete auf die süße Erlösung des Todes, in dem er seiner Frau Gewichtszunahme Pulver selbst in die Zahnpasta mischte.