Die Mauern Babylons

Walter wischt sich die Tränen von den Wangen und verlässt das Parkhaus. Er folgt der Sonne, die ihn hinter einer lichten Wolkendecke den Weg weist. Zu Mittag hält er an einer Tankstelle und gesellt sich zu jenen, die die Gesellschaft zu einem Bier nach dem anderen an der Zapfsäule verdammt hat. Walter verzichtet auf Salzburger Malz und ertrinkt seine Sorgen stattdessen in Käseleberkäse.

 

»Bis morgen« verabschiedet er sich bei der Partie aus vorne kurz und hinten lang, mit denen er kein Wort gewechselt hat und erntet verwirrte Blicke von verwirrten Säufern, für die er genauso gut eine Einbildung sein kann. Um der Morgana Einhalt zu gebieten, leeren sie schnell das nächste Bier, mit der Walters Erscheinung auch schon verschwunden ist.

Den Rest des Tages verbringt Walter im Kreis und in Gedanken. Er reimt sich Geschehnisse zusammen, sollte ihn seine Frau nach der Arbeit fragen, was sie nie tut. Für den Fall, dass sie zum ersten Mal seit Jahren Interesse an seinem Leben außerhalb ihrer Bedingungen zeigt, möchte er ihr nicht stottert begegnen.

 

»Alles wie immer. Heute gab’s Kuchen. Die Putzfrau stiehlt meine Post-its. «

 

Der Teufel liegt im Detail.

Der Tag zieht an ihm vorüber ohne, dass er es merkt. In der Nutzlosigkeit vergeht die Zeit am schnellsten oder holt den Nichtsnutz schneller ein, was es auch ist, plötzlich ist es fünf und Walter findet sich erneut in seiner Einfahrt wider. Er versucht den Tag Revue passieren zu lassen- konkrete Bilder bleiben aus. Einzig die Blicke der Verwirrten bleiben wie ein Urteilsspruch an ihm haften. Morgen wird er sich vorstellen, um die Unbeholfenheit aus dem Weg zu räumen. Schließlich ist er jetzt einer von ihnen, ein Ausgestoßener, verdammt zur Mittellosigkeit und Kohlenhydraten in ungesunder Form. Er steigt aus und überprüft das Versteck der Kiste. Die Anordnung der Hecken hat sich nicht verändert. Vor einem dunklen Fenster bleibt er stehen und betrachtet sich im schwarzen Glas- er sieht wie acht Stunden Arbeit aus, mehr wie zwölf. Sein Aussehen wird ihn nicht verraten, nichts wird ihn verraten, da nichts Kenntnis von ihm nimmt.

Das denkt Walter zumindest. Was er nicht weiß: die verwitterte Nachbarin, deren letzter Besuch zwanzig Jahre her ist, beobachtet jeden seiner Schritte. Auf der einen Seite weil sie nichts Besseres zu tun hat, auf der anderen weil sie in der Kiste in der Hecke Drogen vermutet. Sie führt Buch über Walters Verhalten. Sollten die illegalen Machenschaften ihres Nachbars auffallen, will sie in der Berichterstattung namentlich erwähnt werden.

 

Heldenhafte Witte Müller deckt Drogenring auf, gesamte Nachbarschaft involviert.

 

Das wird ihren Kindern, die nicht einmal zu ihrem Geburtstag anrufen und all jenen, die sie keines Blickes würdigen, eine Lehre sein. Die Witwe des Müllers hat das Haus seit Jahren nicht verlassen und ist sich sicher, dass es die Haushaltshilfe auf das Familiengold, das Mitte des 19 Jahrhunderts spurlos verschwunden ist, abgesehen hat.

 

17:08 Uhr: Verdächtiger bleibt verdächtig lange vor seinem Haus stehen. Konsumiert mit hoher Wahrscheinlichkeit das eigene Produkt. Die arme Frau hat von den Abgründen ihres Mannes vermutlich gar keine Ahnung oder steckt selbst mit drinnen…die armen Kinder.

Walter betritt das Haus und wird augenblicklich von seiner Frau begrüßt.

 

»Kuchen« schreit er zu seiner Verteidigung.

»Was?«

 

»Heute gab es Kuchen« wiederholt er weniger wahnsinnig.

 

»Schön« sagt sie mit einem Hauch von Beunruhigung in der Stimme und geht ins Wohnzimmer, wo sich die Kinder beinahe die Köpfe mit einer Lampe einschlagen.

 

17:10 Uhr: Die Tochter der Familie will ihren Bruder mit einer hässlichen Lampe erschlagen. Sie müssen das Drogenversteck ihres nichtsnutzigen Vaters gefunden und gekostet haben, was ihre Psyche irreparable geschädigt hat. Der Karton in der Hecke ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs.

 

Walter bleibt am Fuß der Treppe stehen und beobachtet die Versuche seiner Frau die Kinder voneinander zu trennen. Nachdem sie der Tochter erfolgreich die Designerlampe aus der Hand gerissen hat, nutz der Sohn die Gelegenheit, um seine Schwester zu beißen. Walter atmet laut aus und geht in die Küche, wo er sich in den Alkohol flüchtet.

 

»Mercedes, Tom-Hendrik, ich will keinen Mucks mehr von euch hören« dringt die wutentfachte Stimme seiner Frau zu Walter in die Küche durch und er schrickt zusammen.

 

Acht Jahre und die Namen seiner Kinder lassen noch immer eine Art Tinnitus in seinen Ohren zurück. Zum Glück konnte er seine Tochter vor dem Porsche bewahren. Den Kompromiss hat er bei Tom-Hendrik verloren.

 

»Manchmal machen mich die zwei wahnsinnig! Wie kommt man auf die Idee, seinen Bruder mit einer Lampe zu schlagen? «

 

»Liegt vielleicht daran, dass ihnen weder Grenzen noch Konsequenzen bewusst sind« will Walter sagen, zuckt jedoch nur unwissentlich mit den Schultern.

 

»Ich war heute auf der Bank, wegen des Finanzplans« wechselt sie das Thema und Walter erstickt beinahe an 4cl Gin und einem Eiswürfel.

 

»Und seit wann trinkst Du wieder« fragt sie und lenkt das Thema sofort wieder auf ihr Projekt zurück, als falle ihr auf, dass sie plötzlich Interesse an ihrem Mann zeigt und dies eine Art Schwäche darstellen könnte.

 

»Die Umsetzung ist teurer als gedacht, also habe ich einen Kredit aufgenommen. «

 

Der Eiswürfel befindet sich bereits in Walters Luftröhre und scheint ihm bei der Lösung seiner Probleme behilflich sein zu wollen.