Der Wald von Birnmam

Walter träumt wirr, von einem brennenden Wald, der sich schleichend, Baum um Baum auf ihn zubewegt und flüstert. Die Stimmen hinter verkohlten Blättern kommen immer näher. In Flammen und Rauch konzentriert er sich die Botschaft, die ihm wichtiger als die Flucht vor dem Feuertod erscheint, zu verstehen. Der Himmel verfärbt sich zu einem blutenden Rot, das in Schwaden aus unendlichem Qualm untergeht. Walter schließt die Augen, um die anderen Sinne zu schärfen und hört zu. Mit einem stechenden Schmerz im Bauch wird er aus der Traumwelt gerissen und beißt die Zähne zusammen um einen Schrei zu unterdrücken. Seine Tochter hat sich in der Nacht ins Bett geschlichen und Walter in einem Anfall nächtlicher Aktivität getreten. Desorientiert und den Geruch des Qualms noch immer in der Nase, wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Als Walter sich aufsetzt, verschwindet das Traumbild und die Botschaft des brennenden Waldes aus seinem Geist. Vorsichtig streift er die Decke beiseite, um weder Kind noch Frau zu wecken und schlüpft in die Hausschuhe, die neben dem Bett stehen. Er reibt sich die Stelle, an der ihn der Fuß seiner Tochter getroffen hat und schleicht, vom fahlen Licht der aufgehenden Sonne beleuchtet, aus dem Zimmer. Es ist vier Uhr morgens und Walters Nervensystem schreit nach Koffein. Schlaftrunken wankt er die Stufen in die Küche hinunter und haucht der Kaffeemaschine mit dem Zeigefinger Leben ein. Geistesabwesend wartet er die Schritte des maschinellen Checks und Mahlens ab, bevor er seinen Tag beginnen kann. Walter streckt sich und verdammt die Regel der offenen Türen, die seine Frau eingeführt hat. Sollte ein Albtraum den Schlaf der Kinder heimsuchen, dürfen sie jederzeit den Schutz des elterlichen Bettes aufsuchen, um so den Monstern in ihrem Unterbewussten zu entgehen. Walter hat sich dieser Idee nur ungerne gefügt, da er in ihr die beginnende Unfähigkeit seiner Kinder gesehen hat, sich den eigenen Problemen zu stellen. Nach einer hitzigen Debatte hat seine Frau entschieden, dass Walter maßlos übertreibe und die Regel eingeführt. Seitdem hat er kaum eine Nacht ohne einen Tritt seiner Tochter oder eines Kopfstoßes seines Sohnes verbracht.

Der Geruch des Kaffees animiert sein Nervensystem und holt Walter aus den frühmorgendlichen Überlegungen in die Realität zurück. Er leert die Tasse in einem Schluck und beobachtet den Weg der Sonne durch dicke Nebelschwaden. Er genießt den Moment der Ruhe ehe sich das Haus in wenigen Stunden mit dem Geschrei seiner Kinder und der seiner komplett überforderten Frau füllt. So gesehen ist er dem Tritt seiner Tochter dankbar, der ihm ein bisschen Ruhe in einem sonst hektischen Leben geschenkt hat. Erneut drückt er den silbernen Knopf an der Kaffeemaschine, diesmal ohne hinzusehen. Er setzt sich an den Tisch und trinkt das Lebenselixier der Nervenbahnen in gemäßigtem Tempo. 

Ein sanfter Schlag auf den Hinterkopf lässt Walter plötzlich in die Höhe schrecken.

»Warum schläfst Du am Tisch? Gefällt es Dir bei mir nicht mehr? «

Walter reibt sich den Hinterkopf an einer mit den Jahren kahler gewordenen Stelle, die er vermutlich den Schlägen seiner Frau zu verdanken hat.

»Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich eingeschlafen bin« antwortet er zu seiner Verteidigung während die Schreie seiner Kinder den Morgen ankündigen.

Der Traum des brennenden Waldes war nicht zurückgekehrt, falls doch, Walter kann sich nicht erinnern. Sein Blick fällt auf die rotblinkenden Ziffern am Backofen- sieben Uhr.

»Ich bin spät dran. «

»Ich weiß, deswegen hab‘ ich dich ja auch so sanft geweckt. «

Walter ignoriert den Kommentar seiner Frau und schleppt sich hinauf ins Badezimmer. Auf der Treppe stolpert er über ein Spielzeug, das sich seit drei Tagen nicht bewegt hat und beordert seinem Sohn zum hundertsten Mal, es wegzuräumen- keine Antwort, wie die neunundneunzig Male zuvor.

»Wir dürfen Ihnen keine Grenzen aufzwingen, das hindert Ihr mentales Wachstum. «

Die Ausrede seiner Frau, wenn Walter auch nur den kleinsten Versuch, Herr seines Hauses zu werden, unternahm. Weder Sinn, noch Tragweite dieser Aussage sind ihm bewusst. Er lässt sie einfach über sich ergehen und das Spielzeug auf der Treppe, wo er am nächsten Morgen wieder stolpern wird. Walter hat früh gelernt, dass Diskussionen mit seiner Frau damit enden, dass sie Recht oder er Unrecht hat. Über die Jahre hat er sich viel Kraft und Nächte auf dem Sofa erspart, indem er es gar nicht zu einer Debatte kommen lässt. Stattdessen ballt er die Faust und nährt sein kommendes Magengeschwür. So gerne hätte er seinen Sohn angeschrien, wie es sein Vater bei ihm getan hat, wenigstens ein Mal. Vielleicht ist es besser so. Vielleicht erreicht ein verzogenes Gör unerkannte Höhen. Nicht, dass er es glaubt. Er versucht die Abwesenheit von Erziehung in irgendeiner Form zu rechtfertigen. 

»Vergiss nicht, dass wir heute Abend über die nächsten Schritte meines Projekts sprechen« dringt die Stimme seiner Frau einen Stock zu ihm ins Bad empor.  

Das Projekt seiner Frau. In ihrer Langeweile als Hausfrau und Mutter, wozu sie sich aus freien Stücken entschieden hat, war ihr die Idee gekommen ein veganes Restaurant zu eröffnen. Selbstverständlich mit den Mitteln ihres Mannes.

»Was mein ist, ist Dein. «

Ihrer Überzeugungskraft bedarf es keiner weiteren Worte und Walter, in einem Trott gefangen, hat ihr seine Unterstützung zugesagt. Obwohl er den Sinn eines veganen Restaurants ebenfalls nicht versteht, vor allem da seine bessere Hälfte Fleisch wie ein verhungerndes Raubtier isst.

»Hab ich nicht vergessen! « Seine Stimme hallt auf ihrem Weg nach unten im Badezimmer wider.

Walter spuckt aus und bemerkt Blut, das sich in Schlieren in den Abfluss ergießt. Er betrachtet sich im Spiegel und bemerkt dunkle Ringe unter den Augen, Zeugen einer unruhigen Nacht. Einen Moment hält er inne, der wie eine stille Ewigkeit wirkt ehe er mit der Hand über den Spiegel wischt. Am Gang stolpert er erneut über eines der Spielzeuge, die seine Kinder mit brennender Passion im Haus verteilen und schlägt mit dem Gesicht gegen die Wand. Still hebt er das rote Auto vom Boden auf und steckt es ein.

Walter schreitet unbemerkt durch die Küche, in der seine Frau die Kinder mit dem Frühstück spielen lässt: sie nennt es kreativen Umgang mit Essen. Für Walter ist es der Inbegriff von Verschwendung. Die Stimme der verstorbenen Mutter hallt durch seinen Kopf: »In Afrika verhungern die Kinder- iss auf! «

Ohne ein Wort des Abschieds verlässt er das Haus, das er sich kaum leisten kann, steigt in ein Auto, das ein gewisses Image hervorrufen soll und beginnt zum zweiten Mal den Tag.

Auf der Autobahn kurbelt er das Fenster herunter und wirft das Spielzeugauto seines Sohnes aus dem Fenster. Der einzige Sieg, den Walter im Kampf der Erziehung erringen kann. Ein unbedeutender, stiller Sieg, der auf Grund der schieren Masse an Plastik im Zimmer seiner Kinder unbemerkt bleiben wird aber dennoch ein Sieg. Er kurbelt das Fenster wieder hinauf und nimmt eine Ausfahrt, die zu neun Stunden Arbeit führt, deren Sinn Walter schon vor Jahren vergessen hat. Er grüßt den Parkwächter mit einer Handbewegung, die nicht gesehen oder ignoriert wird. Walter kennt den Namen des Mannes sowieso nicht und die Firma wechselt ihre Angestellten wie andere Menschen Unterwäsche. Nach zehn Minuten gelangt er zu dem auf seinen Namen, eigentlich der von der Firma zugewiesenen Nummer, reservierten Parkplatz, auf dem ein grässlicher Moloch von einem Auto steht. Walter umklammert vor Zorn das Lenkrad und schlägt nach rechts ein. Nach weiteren fünf Minuten findet er einen leeren Kunden- und Gästeparkplatz. Sowieso schon zu spät bleibt er vor der Monstrosität auf seinem Platz stehen. 

»Nummer 1« ziert das Kennzeichen des blauen Ungestüms mit weißen Rennstreifen.

»Vollidiot!«

Walter knirscht mit den Zähnen und unterdrückt den Drang seinen Schlüssel hervorzuholen, um das Auto mit einem weiteren Streifen zu versehen. Wie auch in der Erziehung seiner Kinder oder im Hosentragen seiner Ehe, gibt Walter seinem Verlangen nicht nach. Er geht einfach vorbei und redet sich ein, dass es schlimmeres gibt, womit er nicht Unrecht hat. Wenn Menschen auf der Welt verhungern, kann er zumindest seinen Anspruch auf einen Parkplatz teilen. 

»Walter, Sie sind zu spät! «

Sein Arbeitgeber verzichtet auf Nachnahmen, um die Illusion eines freundschaftlichen Arbeitsklimas zu erzeugen, das durch das ständige Siezen an Gewichtung verliert.

»Mein Parkplatz ist besetzt« stammelt Walter.

Der Arbeitgeber sieht sich im Büro um, als suche er jemanden, der das Gehörte bestätigt.

»Was ist das denn bitte für eine Ausrede? «

Ohne ein weiteres Wort weist er mit dem Finger auf ein Büro, das im Schatten hinter seinem Rücken liegt und Walter schleicht mit gesenktem Kopf an ihm vorbei.

»Mein Parkplatz ist besetzt- Kindergarten« murmelt er und geht sicher, dass sich sein Angestellter in Hörweite befindet. Und das Gelächter der Kollegen tragen zu Walters Scham bei. Er spürt die Blicke der gesamten Mannschaft auf sich, als ginge ein Geruch von ihm aus, der alle Mitarbeiter hervorlockt, um sich an seiner Demütigung zu laben. Mit einem unguten Gefühl im Rücken, als lauerte etwas hinter ihm schreitet er an den Tischen vorbei, öffnet die Türe seines Büros, schließt sie und gleitet an ihr langsam zu Boden. Wann ist ihm das Leben aus den Fingern geglitten? Walter versucht den Zeitpunkt festzumachen, findet jedoch nur einen grauen Schleier, der sich über Erinnerungen und Gefühle legt, als wären sie nicht seine eigenen. Als wäre er nur ein Beobachter von außen, der sie nicht beurteilen kann. Schließlich richtet er sich auf. Wenn er sich nicht an die Arbeit macht, bekommt sein Vorgesetzter nur mehr Angriffsfläche, die er seiner ganz eigenen Art der Demütigung unterziehen kann. Walters Knie sind schwach. Schlafmangel, Chaos zuhause und weitere Faktoren, die er sich nicht ins Gedächtnis rufen möchte, machen ihm zu schaffen. Er schluckt den bitteren Geschmack, der sich langsam in seinem Mund ausbreitet herunter und setzt sich an den Schreibtisch. Walter zwing sich den Computer einzuschalten. Die Leere wirkt anziehender als neun, jetzt nur noch achteinhalb, Stunden Arbeit. Der Bildschirm flackert ins Leben und bleibt bei der Eingabe des Passwortes hängen. Seine Hand gleitet zum verstaubten Hörer, der nur für firmeninterne Gespräche gedacht ist. 

»Ich habe ein Problem mit meinem Computer…ich weiß es auch nicht, das Ding hängt. Danke. «

Walter erzwingt einen Neustart und äfft den Techniker am anderen Ende der Leitung nach: »Haben Sie schon versucht das Gerät aus- und wieder einzuschalten? «

Er hasst dieses Klischee, vor allem wenn es nicht funktioniert. Er wählt erneut und die Stimme am anderen Ende versichert ihm, noch vor Mittag einen Techniker zu schicken. Mit einem Seufzer lehnt sich Walter im ergonomisch nicht geformten Sessel zurück und starrt an die Decke. Montage und Diens- bis Freitage sind am schlimmsten. Zu sagen Walter ist seinem Beruf nicht gerade wohl gesonnen, ist eine maßlose Untertreibung. Er wischt den Staub, der sich am Fuß des Bildschirms gebildet hat beiseite und ist in Gedanken beim Reinigungspersonal, das im Schutz der Dunkelheit eher Büromaterial stiehlt als putzt. Seit längerem hegt Walter den Verdacht, dass eine Dame der externen Reinigungsfirma seine bunten Post-its stiehlt. Er hat ihr vor drei Monaten zur Schwangerschaft gratuliert und sie auf die Freuden der Mutterschaft hingewiesen. Später hat sich herausgestellt, dass die vermeintliche Mutter weder schwanger ist, noch einen Lebenspartner hat und die Liebe eher in Backwaren sucht. Ungefähr zur selben Zeit ist Walter aufgefallen, dass die farblich unterschiedlichen Stapel an adhäsiven Notizblätter immer kleiner werden.

Ein Klopfen an der Tür unterbricht seinen teuflischen Plan die Reinigungsdame auf frischer Tat zu ertappen. Walter sieht auf die Uhr- zehn Minuten sind seit dem Telefonat mit der im Keller gelegenen Technikabteilung vergangen. Die Burschen von unten, wie man sie oben nannte, bewegten sich normalerweise kaum vor vierzehn Uhr aus den Tiefen heraus.

»Es ist offen, kommen Sie nur herein. «

Die Tür öffnet sich einen Spalt und schwingt dann nach Innen auf.

Walter räuspert sich und ringt nach Luft und Worten als der massige Leib seines Vorgesetzten im Türrahmen erscheint. Der Mann genießt die stotternden Versuche seines Untergebenen, wie er sie hinter verschlossenen Türen nannte, menschliche Laute zu erzeugen.

»Was steht an? «, erlöst der massige Nadelstreifenanzug seinen Mitarbeiter.

»Sagen Sie bloß, Ihr Arbeitsplatz ist besetzt? «

Walter zwingt sich zu einem Lächeln, das von seinem Vorgesetzten nicht erwidert wird.

»Spaß beiseite« sagt er ohne die geringste Regung in der Mimik.

»Woran arbeiten Sie? «

Walter kurbelt die Sitzhöhe seines Bürosessels weiter hinauf, um den Anschein der Augenhöhe zu erwecken.

»Ich warte auf den Techniker. «

»Das erleichtert meinen Konflikt erheblich! Walter, packen Sie Ihre Sachen und ab mit Ihnen. «

Walters konfuser Ausdruck entlockt seinem Vorgesetzten ein Zucken mit der linken Augenbraue.

»Sie sind gefeuert. « Er spricht klar und deutlich, um sich nicht erneut wiederholen zu müssen.

Walters Geist setzt für einen Moment aus, in dem er sich der Ewigkeit gegenübersieht, in der die Worte seines Vorgesetzten auf immer wieder auf ihn herabfahren. Als er nach einem Augenschlag wieder in die Realität zurückkehrt huscht ein einziges Wort über seine Lippen, beinahe unhörbar: »Warum? «

»Warum? Nun ja, die Firma baut stellen ab und ich wurde damit beauftragt Platz in meiner Abteilung zu schaffen. Durch Ihr spätes Erscheinen, Ihre faule Ausrede und der Fakt, dass Sie trotz dieser Fehltritte nicht arbeiten, hat meine Aufgabe um einiges erleichtert. Ich hätte bis zum Ende des Monats Zeit, somit muss ich Ihnen danken- und jetzt ‘raus! «

Walter sitzt auf seinem ergonomisch nicht geformten Sessel und starrt in das Loch, das sein Vorgesetzter im Büro hinterlassen hat. Sein Geist ist leer. Selbst als es an der Tür klopft und der Techniker eintritt, verbleibt Walter völlig regungslos. Der blasse Mann spricht ihn zwei Mal auf das Problem an und weist ihn darauf hin, dass er sich Späße dieser Art sparen kann: sie haben unten auch so schon genug zu tun. Darauf folgt ein Monolog, in dem sich der Techniker über die Respektverhältnisse in der Firma beschwert. Walter bekommt davon nichts mit, sein Blick ist glasig und scheint den Mann, dessen Brille regelmäßig von der Nase rutscht gar nicht zu bemerken. Eine Welt bricht für ihn zusammen und die Stunden ziehen an ihm vorbei. Er geht im Kopf die nächsten Schritte durch, ohne auch nur einen von ihnen zu unternehmen. Geistig hat er bereits seine Sachen gepackt und sitzt seit zwanzig Minuten im Auto vor seinem Haus. Walter geht das Gespräch mit seiner Frau durch, versucht ihr zu erklären, dass ihr Traum seinetwegen gescheitert ist. Er appelliert an ihr Mitgefühl und all die Jahre, in denen er für sie und die Kinder gesorgt hat. Egal aus welcher Richtung er es versucht- sie zeigt kein Verständnis. Plötzlich sitzt er wieder im Auto und sieht seiner Hand dabei zu wie sie sich einer alten Angewohnheit widmet. Sie öffnet das Handschuhfach und kramt eine alte Zigarettenpackung zwischen vergilbten Plänen und  Parkscheinen hervor. Die andere verschwindet im kleinen Fach der Fahrertüre und taucht mit einem Feuerzeug wieder auf. Im Geiste raucht Walter erneut heimlich im Auto, was er sich vor Jahren abgewöhnt hat. Der Gedanke alleine lässt ihn an seiner Willenskraft zweifeln. Als die Laternen am Parkplatz vor seinem Büro angehen und er den Bariton der Reinigungsfirma im Gang vernimmt, wacht er auf. Walter dreht sich um, lehrt eine Kiste mit Dokumenten aus und beginnt seinen Arbeitsplatz im Karton zu verstauen. Mit einem Arm wischt er über den Tisch während die andere die Kiste festhält. Zum ersten Mal seit Stunden klärt sich sein Blick und er sieht auf den Bildschirm, der noch immer auf die fehlenden neun Buchstaben und eine Zahl wartet. Wie in Trance tippt er den Rest des Passwortes ein und sieht zu wie der Desktop langsam aus dem Nichts erscheint. Mit beiden Händen hebt er die Kiste vom Tisch und verlässt das Büro.

»Sie können sich gerne alles nehmen, was noch drinnen ist« sagt er der Kleptomanin, die gerade einen Locher von einem der Schreibtische genauer unter die Lupe nimmt.

Sie erschreckt, lässt den Locher fallen und wischt den Staub vom Fuß des Bildschirms mit einer Inbrunst als befände sich ihr gesamter Lebensinhalt darin. Walter streicht den teuflischen Plan, sie auf frischer Tat zu ertappen, aus dem Kopf und geht ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei. Er verlässt das Gebäude und schlendert über den leeren Parkplatz zu seinem Auto. Die Kiste legt er vorsichtig auf den Rücksitz und schnallt sie an, damit sie ihn bei einer Vollbremsung nicht erschlägt und fährt los. Walter dreht eine zusätzliche Runde und hält an der Stelle, auf der ihm die Nummer 1 seinen Job gekostet hat. Er schaltet den Motor ab und zwingt sich zu einem Lächeln.

»Dann mal an die Arbeit. «

Sein Lächeln verschwindet und macht einem Anfall energischen Lenkradrüttelns Platz, dem ein stummer Schrei nach einem Augenblick der Frustration wieder Einhalt gebietet. Mit einer Drehung haucht er dem Wagen Leben ein und macht sich auf den Weg zu einem Gespräch, das nicht gut ausgehen kann.  

Wie zuvor in Gedanken steht Walter vor seinem Haus und beobachtet Lichter, die durch die sündhaft teuren Hecken, für die extra ein Gärtner aus Guatemala engagiert werden musste, scheinen. Erneut sucht er eine Möglichkeit, seiner Frau vom Verlust ihrer Einkommensquelle zu berichten und findet keine. Seine Hand zittert und scheint, wie in der Vorstellung nach dem Handschuhfach greifen zu wollen. Walter atmet tief durch und schließt die Augen. Er ist sich nicht einmal sicher, ob er eine Packung unter den Plänen und Parkscheinen finden wird. Nichtsdestotrotz lässt er den Zigarettenanzünder einrasten und öffnet das Handschuhfach. Seine Hand schwebt in der Luft und wartet auf den Befehl des Gehirns zuzuschlagen. Walter nimmt den Zigarettenanzünder wieder aus seiner Verankerung und lässt den Kopf hängen. Es sieht sich vor einem Abgrund und versucht noch einmal mit den Armen zu wedeln, ehe er hinabstürzt. Im hektischen Fuchteln findet Walter plötzlich Halt. Einen Ausweg, den er nicht in Betracht gezogen hat. Er richtet den Rückspiegel, zerzaust seine Frisur und lockert seine Krawatte. Es ist so einfach, er hat es schon hunderte Male im Fernsehen gesehen. Walter startet den Motor und fährt die letzten Meter in die Einfahrt. Er schnallt die Kiste ab, nimmt sie heraus und wird den Zeugen seiner Entlassung in einer der Hecken, mitsamt seiner Aktentasche, los. Kein perfekter Plan- für den Anfang reicht es.

»Was für ein Tag« schreit er zur Begrüßung durchs Haus- keine Antwort.

Er zuckt mit den Schultern, stellt die Aktentasche ab und streift die Schuhe von den Füßen. Auf Zehenspitzen versucht Walter unbemerkt nach oben zu gelangen.

»Wo warst Du so lange? «

Seine Frau fängt ihn mit an die Hüften gestemmten Armen ab. Walter weiß ihre Haltung zu deuten und flucht lautlos.

»Es tut mir leid, Schatz. Im Büro war die Hölle los. Zuerst hat der Computer nicht funktioniert und dann hat…«

»Mir ist völlig gleich, was im Büro passiert ist« unterbricht sie Walters beginnende Lüge.

»Weißt du, wie lange ich schon auf Dich warte? «

Auf ihren Egoismus ist immer Verlass. Walter versucht ein triumphierendes Lächeln zu Unterdrücken. Zum ersten Mal kann er das Desinteresse seiner Frau für sich nutzen.

»Es tut mir wirklich leid« lügt er.

»Du hast es mir versprochen! «

Walter senkt schuldbewusst den Kopf und will seinen Weg in die falsche Freiheit seines Schlafzimmers fortsetzten. Seine Frau ist anderer Meinung: »Wo willst Du hin? «

Mit dem Finger zeigt er in die Schatten hinter den Stufen und erntet einen Blick, der töten könnte.

»Das glaube ich nicht. Dein Pech, wenn Du zu spät kommst. Stell dich auf eine lange Nacht ein- ich hab‘ viele Ideen und muss morgen nicht um sieben außer Haus« mahnt sie und Walter glaubt ein Lächeln über ihre schmalen Lippen huschen zu sehen. 

Walter liegt wach im Bett, jedoch nicht weil ihn eines seiner Kinder im Schlaf getreten hat. Das Projekt seiner Frau hält ihn wach. Sie hat sich alles bis ins kleinste Detail überlegt und ihm bravurös vorgetragen. Es klingt nicht schlecht, ein kleines veganes Restaurant am Stadtrand, das aus irgendeinem Grund dreizehn Angestellte bracht. Seine Frau hat ihm die Notwendigkeit der irrationalen Menge an Personal erklärt, die Walter noch immer nicht versteht. Zwei in der Küche, elf, die das Bodenpersonal bilden und fünf Tische.

»Man muss diese Dinge interessant gestalten, sonst redet keiner darüber. Wie soll ich mich sonst von der Masse abheben? «

Acht Kellner, die ständig auf den Gast einreden, ob er noch etwas wünscht, etwas Ruhe vielleicht, heben sich tatsächlich von der Masse ab. Als Walter Gefahr lief erneut am Tisch einzuschlafen, hat ihm seine Frau einen Zettel vor die Nase geknallt, der den Schlaf mit einem Mal komplett aus Walters Leben vertrieben hat.

»Das sind die Kosten. Das brauch ich von Dir, wenn ich meinen Traum verwirklichen will. «

Ihren Traum. Als sie sich kennengelernt haben, war ihr Traum, eine Familie zu Gründen und mit ihm, ihrem Mann, auf der Terrasse dem Lebensabend begegnen. Nach dem ersten Kind hat sich dieser Traum in die Vorstellung ein eigenes Fitnessstudio zu besitzen verwandelt und ist auf Umwegen plötzlich bei einem veganen Restaurant geendet. Wenn Walter durchhält und seiner Frau bedingungslose Unterstützung zusagt, verwandelt sich das Restaurant am Stadtrand, wo man noch nicht viel von Veganismus gehört hat, irgendwann vielleicht wieder in die Terrasse am Lebensabend.

Die Kosten haben Walter einen Schlag verpasst, der denen seines schlafenden Sohnes um Welten voraus sind. Selbst mit seiner alten Anstellung, ist das Projekt seiner Frau ohne Kredit, bei dem ihm die Bank den Vogel zeigt, nicht zu finanzieren. Dies ist auch der Grund seiner spontanen Insomnie, die ihn dazu führt um drei Uhr morgens aufzustehen und über einen Teddybären in die Küche zu stolpern. Anstatt heimlich im Auto zu rauchen, schüttet Walter Alkohol über seine Sorgen. In der Hoffnung sie so zu vergessen oder zumindest betrunken einzuschlafen. Beides ist ihm Recht. Beides ist keine langfristige Lösung. Auch das nimmt er in Kauf. Walter will diesem Tag endlich ein Ende setzen und wenn er mit einer alkoholinduzierten Ohnmacht endet, dann ist es eben so. Er schenkt sich ein Glas Gin ein und verzichtet dabei auf den Tonic, der seinen Plan eher in die Länge zieht. Walter erlaubt sich lediglich zwei Eiswürfel, deren Verwässerung er in Kauf nimmt. Der Vater von zwei Kindern, einer manischen Frau und kürzlich Arbeitslose ist kein Alkoholiker, der Zeitpunkt bietet sich jedoch an, um einer zu werden. Illuminiert schreitet Walter über das Kuscheltier hinweg und sieht sich in den Treppen zum ersten Stock einem K2-ähnlichen Aufstieg entgegen. Auf der zweiten Stufe macht er Halt, da er bereits den Sauerstoffmangel des plötzlichen Anstiegs spürt. Walter reißt sich zusammen und unterdrückt den Drang auf der Treppe zu übernachten. Mit beiden Händen zieht er sich über das Geländer nach oben und fällt ins Bett. Sein Schlaf ist kinder- und traumlos.  Eine Seltenheit in Walters REM-Phase, die er weder bemerkt noch genießt.