Magie und Kuchen

Autors Blog, Sternzeit 2018226

 

Ein bis zwei Mal im Jahr gehe ich einem Hobby nach, das seine Wurzeln in meiner Schulzeit hat. Durch den sporadischen Charakter, den dieser Zeitvertreib angenommen hat, ist er nun zu einer Tradition verkommen, die ich nur zelebrieren kann wenn sich eine bestimmte Person in den Flixbus setzt, um die fünfstündige Fahrt von München nach Wien auf sich zu nehmen, Versuche das Hobby auf andere Freunde auszulagern, endeten alle mit einer Absage, da  sich die meisten ihrer Utensilien, die dieser Zeitvertreib voraussetzt, vor Jahren entledigt haben.  

 

Nicht so eine junge Ärztin, die ich seit Jahren auf dem Sommerfest der Volksschule, das ich jährlich besuche, wiedergetroffen habe. Nach wochenlangem Hin und Her, bei dem wir ständig Ausreden gesucht aber nicht wirklich gefunden haben, war es dann endlich soweit. 

Das Magic Spiel des Jahres kann endlich stattfinden, der Einsatz: nicht Ehre, sondern Kuchen. Schauplatz des Duells: ein bekanntes Café im sechsten Wiener Gemeindebezirk, in dem der Showdown mit bunten Karten, in bunten Schutzhüllen, umgeben von aufgetakelten Blondinen und russischen Männerrunden, zu einem gewagten Unterfangen wird. Zum Glück ist es Sommer und Sonntag, eine Kombination, die Wien zu einer Szene aus einem postapokalyptischen Film verkommen lässt. Abgesehen von drei Gästen, die uns auf ihrem Weg zum WC komisch von der Seite anschauen, lachen nur die Kellner, die überraschend oft an unserem Tisch vorbeischlendern. Ich nehme an sie haben auf den Ausgang des Duells gewettet. 

Nach einem großen Radler, der mir in dieser Situation einen Hauch von Männlichkeit sichern soll und einem grünen Physalis Eistee, werden die Karten gemischt.



Jedoch nicht bevor ich den Stapel, auf Grund der rutschigen Schutzhüllen, am Boden verteile- mehrmals. Nachdem ich es irgendwie geschafft habe mein weißes Engeldeck zu mischen, ohne dabei das Lieblingsspiel meines Vaters, auf das ich als Kind viel zu oft hereingefallen bin, "Zwanz'g heb's auf" zu spielen, kann das Duell um den Kuchen beginnen. 

Durch den einmaligen Charakter, den der Zeitvertreib angenommen hat, gleichen meine Züge mehr intuitiven Entscheidungen, als dass sie die Regeln des Spiels tatsächlich befolgen. Zum Glück geht es meiner Gegnerin ähnlich und wir ziehen eine willkürliche Zahl an Karten, die sich im Laufe der Auseinandersetzung jedes Mal ändern. 

Ich lasse der Dame den Vortritt und sogleich ziert ein Wald den kleinen Tisch, den wir als Feld für unser Duell um Peinlichkeit und Kuchen auserkoren haben. Ich kontere mit einer Ebene und katapultiere das Spiel in eine Spannung, die mit Worten kaum zu beschreiben ist- die erste Runde ist beendet und ein Kellner lacht in seinen Bart als er an uns vorbeigeht. 

In einer unmenschlichen Geschwindigkeit liefern wir uns einen Schlagabtausch aus Wäldern und Ebenen und mir fällt schon wieder das halbe Deck unter den Tisch. Während ich auf weitere Länderkarten hoffe, spielt die junge Ärztin ihr erstes Monster aus, das den Verlauf des Spiels für sich entscheiden kann, ich muss auf der Hut sein und auf das Herz der Karten vertrauen (eine Referenz, die sich auf ein ganz anders Kartenspiel bezieht). 

Das Blatt wendet sich als der erste Engel das Feld betritt, mir einen Lebenspunkt zusichert und drei aufgetakelte Damen mittleren Alters aufs Klo Nach drei weiteren Kreaturen, eine von Rarität ( gemessen an einem kleinen farblichen Symbol in der Mitte der Karte), tappe ich meine Engel in einem Anfall von himmlischer Manie, um das grün-rote Deck meiner Widersacherin dem Erdboden gleich zu machen. 

Das erste Spiel und die Chance auf den Siegerkuchen gehen an mich.

Mit der zweiten Runde, perfektioniere ich meine Mischkünste: dreimal fällt mir der Kartenstapel herunter. Dreimal klettere ich, einer Grazie gleich, vom Hochsessel und wische über den Boden. 

Erst als ich meine neurologische Auffälligkeit in den Griff bekomme, kann das Spiel beginnen. Jeder von uns zieht sechs Karten, keiner von uns Mana, die man für die Beschwörung von Monsterkarten benötigt. Wir einigen uns darauf neu zu ziehen- wieder nur Kreaturen, Zauber und Artefakte. Beim dritten Versuch bricht meine Gegnerin den landlosen Bann, während ich weiterhin ein Leben ohne Mana verbringen muss. Sie legt einen Wald und eine 1/1 Kreatur. 

Ich hebe einen Engel ab, der meine Ebeneninflation bestätigt. Das zweite gegnerische Monster ziert das Feld und beginne zu schwitzen. Während sich die Seite meiner Widersacherin füllt, bleibt meine leer und nach fünf weiteren Karten, ist meine Hand noch immer brach. Engel- und Menschenkarten, gefangen in einer Zwischenwelt, 

Zwei Züge später neigt sich der Platz, den die junge Ärztin braucht, um weitere Monster zu beschwören, dem Ende zu und ich bitte sie, kurzen Prozess mit meinem traurigen Versuch des Widerstandes zu machen. 

In einer fließenden Bewegung des Triumphs, tappt sie ihre Kreaturen und setzt den Vorrat meiner Lebenspunkte in einem Zug auf null- Gleichstand. 

Ich rufe die Kellnerin herbei, die, aus mir unerfindlichen Gründen, unseren Tisch meidet und bestelle einen Mango-Maracuja Eistee, um die Niederlage in schwarzem Tee und Mangomus zu ertränken.

 



In einem Anflug von manischer Siegessicherheit, bestellt sich meine Widersacherin tatsächlich einen Schokoladenauflauf. Ihre Dreistigkeit den Wetteinsatz vor Ende des dritten Spiels zu bestellen, treibt meinen Ehrgeiz in ungeahnte Höhen und ich lasse erneut das halbe Deck fallen. 

Nachdem sie den Kuchen gegessen und ich meine neurologische Auffälligkeit in den Griff bekommen habe, beginnt das letzte Spiel um Ehre und...sonst nichts- den Kuchen hat sie bereits an sich gerissen. 

Mit hochgezogener Braue hebe ich die ersten sechs Karten hab, welche die himmlischen Heerscharen auf die junge Ärztin herniederfahren  lassen sollen. 

Als Verlierer der letzten Runde lege ich die erste Ebene und eröffne den Kampf um 20 Lebenspunkte. 

Von Anbeginn liefern wir uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das in gleichem Maße Zauber und Kreaturen von der Hand auf den kleinen Tisch bringt. 

Wie verrückt tappen wir unsere Monster, um den Lebensvorrat des Gegners auf null zu setzen. Trotz der Stärke ihrer Kreaturen beliebe ich mit jedem Engel, der das Feld betritt im Spiel, bis ein fataler Fehler das Glück zu Gunsten meiner Gegnerin wendet. 

Mit einem Lachen, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt, wartet sie auf ihren Zug, um mir ein Ende zu bereite. Wie eine Mutter streichelt sie sanft über die Karten während ich verzweifelt nach einer Strategie suche, die mir den Hauch einer Chance lässt. 

Ich sehe meine Niederlage ein und beende den Zug. Noch während ihre Hand wie ein Damoklesschwert über dem Feld hängt, sehe ich den Fehler meiner Entscheidung: ich hätte genug Kreaturen, um sie in einer schnellen Bewegung zu besiegen. 

In einem Anflug der Schwäche bitte ich meine Gegnerin mit ihrem Zug zu warten, um ihr den Rest zu geben. Zu meinem Erstaunen willigt sie ein und ich werde mir meiner Unfähigkeit bewusst. 

 

 -Nein! Das geht nicht!- exklamiere ich, um meine Ehre zu bewahren. 

 -So will ich nicht gewinnen!-

 

Mein Konflikt facht eine Diskussion ob des Siegers unserer Auseinandersetzung an, die sich wie folgt während des Schichtwechsels der Kellner zugetragen hat:

 

 -Du hast gewonnen!-

 

 -Nein Du!-

 

 -Nein, Du!-

 

 -Nein, Du!-

 

 -Verzeihung? Dürfte ich kassieren?-

 

Schlussendlich einigen wir uns auf ein Unentschieden, sehr zur Freude der Kellnerin, die nun endlich nachhause gehen darf. 

 

 

 

 

 

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