L-o-s-e-r

Autors Blog, Sternzeit 2018209

 

Wie jeden Sommer, frönen mein bester Freund und ich unserem Hedonismus im Strandbad. Er ist die einzige Person in meinem Umfeld, die immer pünktlich oder zumindest zu früh ist.

An diesem heißen Sommertag ist er jedoch zu spät (die Ratte! Nein, ich habe ihn eh sehr lieb!) und ich vertreibe mir die Wartezeit, indem ich die MA48, wegen eines versperrten Miskübels vor der U-Bahnstation mit einem Facebookpost, nerve. Zu meiner Überraschung erhalte ich eine professionelle Antwort und entscheide mich eine absurde Diskussion zu provozieren, auf die das Amt leider nicht eingeht.  Zum Glück kommt die Erlösung meiner Langeweile gerade um die Ecke und wir steigen in den Bäderbus, der uns sicher zur Insel, die sich Strandbad nennt, geleitet. 

An der Kassa packe ich meinen Schmäh aus und versuche einen vergünstigten Eintritt , mit den Worten: zwei Kinder bitte.  zu erschleichen. Doch auch hier geht mein Plan leider nicht auf. Zum Preis von zwei Erwachsenen treten wir ein und steuern direkt auf den kleinen Café-Abklatsch zu, um den Tag im Schwimmbad mit einem Eiskaffee zu beginnen. 

Nach Kaffee und Vanilleeis, erstehen wir in der Trafik einen Ball um 8€ und widmen uns der körperlichen Ertüchtigung in Form von ziellosem Herumlaufen auf der Wiese, gepaart mit dilettantischen Gabelkünsten, die meist mit einem Spitz und mehr unkontrolliertem Sprint enden. 

Irgendwann erkennen wir die Sinnlosigkeit unserer Fußballkarriere und ziehen auf den Basketballplatz weiter, wo das wohl spannendste L-o-s-e-r Spiel in der Menschheitsgeschichte beginnt....

Müde und verschwitzt beginnt das Spiel mit einigen Dribbelversuchen, um die Beschaffenheit des Balls auf dem orangen Feld, das zur Bühne eines unvergesslichen Spiels werden soll, in Erfahrung zu bringen. Mit den hohlen Geräuschen, die der Neonstrandball von sich gibt während er über den Basketballplatz hüpft, und einigen Testwürfen, die alle daneben gehen, erklärt mein bester Freund das Spiel für eine Schnapsidee und eröffnet.  

Ich atme tief ein, wische mir den Schweiß von der Stirn und suche mir eine geeignete Position, von der aus ich meinem Freund den ersten Buchstaben einhandeln kann, der zu seinem Niedergang führen wird. Für einen Augenblick, der mich mit der Welt verbindet, schließe ich die Augen und werfe. Wie in Zeitlupe scheint der Ball durch die Luft zu schweben. In einer atemberaubenden Kombination aus Plastik und Neongelb/grün/violett verfehlt er den Korb und rollt in die Wiese hinter dem Platz. 

 

 -Das wird so lang dauern!- kommentiert mein bester Freund, während ich dem Fehlversuch hinterherlaufe bevor er den Beachvolleyballplatz erreicht. 

 

Wissenschaftlich kundschaften wir das Feld aus, in der Hoffnung so einen Vorteil zu erlangen. Unsere Würfe gehen überall hin, nur nicht ins Netz. 

 

 -Der Boden ist uneben!- erklärt mein Freund seine Misere an Versuchen den Ball zu versenken.

 -Der Ball ist so blöd rund.- stimme ich mit ein. 

 

Doch dann,  eine spontane Fügung des Schicksals- ein Wurf von mir gelingt. Das erste "L" fällt und der Trashtalk beginnt. 

Die Ball fliegt  über den Platz, rechts, links, mit Spin, ohne Spin, angeschnitten, in hohen Kurven, gegen das Brett, keiner ins Netz. Die spontane Fügung scheint sich nicht zu wiederholen und ich Ruhe mich auf dem einen Wurf, der gelungen ist, aus. Ich wiege mich zu früh in Sicherheit, denn mein Freund schlägt zurück- Gleichstand. 

 

 

 

 

 



Mit zwei Ls auf dem Feld steigt die Determination der Spieler ins Unermessliche.

Mit beiden Hände umklammere ich den Strandball so fest, dass meine Knöchel weiß werden. Meine Konzentration gleicht der eines Zen-Buddhisten, dessen Meister mit einem Stock hinter ihm steht und auf die kleinste Regung wartet, um ihm den Stecken über den Kopf zu schlagen.

Ich gehe leicht in die Knie, um dem Wurf mit meinem Körper genug kinetische Energie zu verleihen auf dass er sein Ziel nicht verfehlt. Der von Hitze und Konzentration hervorgerufene Schweiß rinnt mir ins linke Auge wodurch ich das Gleichgewicht im entscheidenden Moment verliere und den Ball mit voller Wucht gegen das Brett befördere. Kommentarlos läuft mein bester Freund dem runden Neonding hinterher und versucht meine eingeschränkte Sicht zu seinem Vorteil  auszunutzen. Er verlässt sich auf sein Können und wählt eine Position, die so weit vom Korb entfernt ist, dass ich weder mit Brille, geschweige denn halb blind eine Chance hätte. Auch er geht in die Knie und schreit.

 

 -Fünf-Punkte-Wurf!- 

 

Ich beobachte wie die psychedelischen Farben des Balls in der Luft zu einem kosmischen Wunder verschmelzen und fürchte um das O, das er mir im nächsten Moment bescheren könnte. Der Ball trifft den Korb, an dessen Ring das Netz hängt, macht eine Runde um den Ring und fällt zu Boden, ohne meinem Besten Freund einen Punkt einzubringen. 

Mit tränendem Auge streife ich über den verschwommenen Basketballplatz und suche eine Stelle von der aus mir ein Treffer gewiss ist. Verschwitzt, niedergeschlagen und blind verlasse ich mich auf die Spontaneität meines Körpers, die den Weg zum Netz intuitiv finden soll. Das Schicksal schlägt erneut zu, leitet den Strandball in einem hohen Bogen in die Glieder der Kette und meinen Freund zu seinem nächsten Buchstaben. Es steht L zu L-o und ich kann mein Glück kaum fassen. 



Beflügelt von einem Gefühl der Überlegenheit, versenke ich den nächsten Wurf, der meinem Gegner zu einem L-o-s und mir zu einem Freudentanz verhilft. Ich spüre förmlich den Serotonin-Trip, auf dem sich mein Körper befindet und werde übermütig. Aus immer schwierigeren Positionen fordere ich das Glück heraus, um meinen besten Freund zu demütigen, doch jedes Mal geht der Ball daneben, bis mich die Hybris schließlich einholt und ich selbst ein L-o-s bin.

Gleichstand und nur noch zwei Buchstaben zu spielen, was bei unseren Ballkünsten den ganzen Tag dauern könnte. Mit der Hitze des Tages macht sich auch die Müdigkeit bemerkbar, die beinahe jeden Wurf auf den angrenzenden Beachvolleyballplatz befördert. Zumindest haben wir nun eine neue Ausrede, auf die wir unseren Dilettantismus schieben können. 

Meine Konzentration, die mir um ein Haar das Augenlicht genommen hätte, lässt nach. Wie ein Meister des Tai-Chi, entspannt sich mein Körper und tritt in einen kosmischen Fluss ein. Ich überlasse die Kontrolle meiner Muskeln einem höheren Zweck und beobachte wie die Basketball- Substitution drei Runden um den Ring tanzt und dann völlig unerwartet ins Netz fällt. L-o-s-e! 

Ich erstarre auf der weißen Linie, von der aus ich das Spiel in den Matchpoint geschossen habe. Selbst mein Gegner, der die letzten unerbittlichen Zweikämpfe um die Ehre für sich entscheiden konnte, scheint perplex. Ich glaube ein Leuchten in seinen Augen aufflammen zu sehen, das sich gegen die bevorstehende Niederlage sträubt als stünde sein Leben auf dem Spiel.

Er dribbelt auf der Stelle, fixiert den Korb, wirft und trifft. Der bisherige Verlauf des Wettkampfes hat gezeigt, dass unsere Würfe nur durch Zufall ihr Ziel treffen und ich beginne erneut zu schwitzen. Die Chancen, den Ball ins Netz zu befördern, stehen schlecht und ich fürchte um einen alles entscheidenden Ball, der einen von uns beiden zum Loser küren wird. Auch ich dribble, in der Hoffnung, dass mir die Nachahmung jeder seiner Bewegungen ebenfalls zu einem Punkt verhilft. Ich gehe in die Knie, werfe und treffe. Ich bleibe wie durch ein Wunder in Führung und die Hybris kehrt zurück. 

 

 -Jetzt hab ich dich!- verkünde ich mit einem Lächeln und setze an, um meinen Gegner dem Erdboden gleich zu machen. 

 

Übermütig und aus dem Handgelenk landet der  neonfarbene Strandball im Netz. 

 

 -Ha!- exklamiere ich. 

 

 -Ang'sagt!- entscheide ich das spannendste L-o-s-e-r Spiel der Menschheitsgeschichte für mich.

 

 

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